Da muss man jetzt durch.

20 Okt

Er ist Mitte 80 und zum ersten Mal im Krankenhaus.

Es ist nichts Ernstes, nur eine Kleinigkeit, aber trotzdem müssen wir jetzt gut auf ihn aufpassen.

Das erkläre ich ihm während ich Elektroden auf seine Brust klebe und den Monitor anschalte. Ich schließe die Kabel an und zeige,welche Werte ich jetzt erkenne.

Alles in Ordnung.

Ob er allein zu hause lebe, oder ob jemand zum helfen vorbei komme, frage ich routinemäßig.

Er sei jetzt leider allein.

Seine Frau sei letztes Jahr gestorben, nach 56 Jahren Ehe und 2 Jahren schwerer Krankheit.

Da müsse er jetzt durch.

Ihr Foto steht in der Stube, daneben immer Blumen.

Gequält hat sie der Krebs im Bauch. Er war die ganze Zeit bei ihr, hat zum Schluss nur gedacht:

Mädchen, schlaf doch endlich ein!“

Das letzte was sie gesagt hat war:

Tut mir leid, dass ich dich jetzt alleine lasse.“

 

 

 

Sie kommt jeden Tag um neun ins Hospiz.

Der Weg mit dem Bus ist nicht weit, dauert aber trotzdem lange.

Sie muss zweimal umsteigen und der Rücken macht nicht mehr so mit.

Jeden Morgen ist sie da, weil sie weiß, dass er sich Sorgen macht, wenn sie sich auch nur zehn Minuten verspätet.

Jeden Morgen hab ich ihn um neun an den Tisch gesetzt und zwei Kaffeetassen hingestellt.

Den Honigtoast isst er vorher, mit dem Kaffee wartet er auf sie.

45 Jahre sind sie zusammen, haben zwei Kinder groß gezogen und ein Haus gebaut. Es war nicht immer einfach.

Jetzt ist das Haus abbezahlt, die Kinder groß, beide sind in Rente.

Und sie sitzt allein abends auf der Terrasse und weiß, dass er nicht mehr heim kommt. Das es ab jetzt nur noch schlechter werden wird. Noch kann er sprechen und essen, laufen klappt schon lange nicht mehr. Sie sagt ihm nicht, wie ernst seine Werte wirklich sind, sie kennt den Arzt und gemeinsam tauschen sie ein paar Zahlen.

Es war nicht immer einfach und hätte jetzt alles so schön sein können.

Ist es aber nicht.

Da muss sie jetzt durch.

 

 

 

Er weiß, dass sie ihn nicht mehr sehen kann.

Schon seit vier Jahren, nach dem Schlaganfall, ist sie blind.

An guten Tagen erkennt sie seine Stimme und nimmt seine Hand, an weniger guten denkt sie, dass sie in ihrem Elternhaus sei und fragt immer wieder nach seinem Namen.

Sie haben im Krieg geheiratet, da war kein Geld für eine kirchliche Trauung da.

Das haben sie nachgeholt, an ihrem 50. Hochzeitstag.

In einer großen Kirche, mit allen Freunden.

Danach haben sie Skiurlaub gemacht.

Jetzt liegt sie im Bett und öffnet kaum die Augen.

Warum er immer noch jeden Tag käme und bis zum Abend bliebe, fragen ihn Leute.

Im Krieg und in der Kirche, im Abstand von 50 Jahren haben sie gesagt: „Bis das der Tod uns scheidet.“

Da muss er jetzt durch.

 

 

 

Alle drei fragen mich, warum ich denn nicht verheiratet sei.

Weil ich warte, bis ich einen finde, mit dem ich 50 Jahre zusammen da durch will.“, sage ich und versuche zu lächeln.

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Erleuchtet.

10 Okt

Lange war ich ein glücklicher Single.

Doch in letzter Zeit hätte ich immer öfter gern einen Ehemann.

Einfach weil ich glaube, dass ein Ehemann in vielen Situationen sehr nützlich sein könnte.

Zum Beispiel wenn ich gern etwas bewerfen würde.

Ich werfe nämlich sehr schlecht.

Genauer gesagt treffe ich bei acht von zehn Versuchen etwas weg zu schleudern mich selbst.

Das sieht blöd aus und tut weh.

Mein Ehemann könnte sicher viel besser und weiter werfen.

Außerdem würde mir eine Ehe ganz neue Einkaufserlebnisse bescheren. Es müßten nicht immer nur Taschen und Schuhe sein, sondern ich könnte ihm aus dem Baumarkt einfach so ein paar Schrauben mitbringen,damit er sich was Schönes spaxen kann.

Ich hätte jemanden, den ich nachts wecken und dann grundlos anbrüllen könnte, weil ich nicht mehr einschlafen kann.

Und niemand würde mehr versuchen,mir mein schlechte Laune auszureden. Schließlich ist die Ehe als Begründung für miese Stimmung vollständig gesellschaftlich akzeptiert.

Alles gute Gründe, sich einen zum heiraten zu suchen.

Alles gute Gründe.

Leider fiel mir keiner davon mehr ein, als ich mit schweißnassen Händen und astronomischen Blutdruck im Café saß und auf mein Blind-Date wartete.

Auf diese Idee war ich mit einer Freundin und zwei Flaschen Wein an einem Donnerstagabend gekommen.

Wein ist übrigens noch ein guter Grund für einen Ehemann.Ich könnte dann auch mal welchen trinken, der keinen Schraubverschluss hat.

Erik hieß der Unbekannte, der mich zum Kaffee einladen und dann ewig glücklich machen sollte.

Erik hatte sich wie ich in einer dieser Internetsinglebörsen angemeldet, war solvent, berufstätig, Anfang 30, mochte ausgedehnte Strandspaziergänge, Antipasti und Sonntagnachmittage im Museum.

Da ich vorhatte, mich in meiner Ehe auf jeden Fall zu langweilen, schien er der perfekte Kandidat.

Nach einem kurzen Nachrichtenaustausch war der Treffpunkt schnell ausgemacht.

Fotos tauschten wir nicht, Erik fand es so prickelnder.

Prickeln war allerdings ganz genau das, was ich nicht verspürte, als Erik das Lokal betrat.

Eigentlich betrat er es nicht, Erik schwebte.

Eine Mischung aus Thomas Gottschalk und Reinhold Messner mit schulterlangem wallenden Engelshaar, von Kopf bis Fuss in fließendes beiges Leinen gehüllt. Barfuss.

Diese Erscheinung brachte mich kurzfristig zum totalen Erstummen und die Kellnerin dazu, mir wortlos ein Bier hinzustellen.

Ich klammerte mich hilflos daran, denn meine Hoffnungen auf eine baldige Vermählung hatte ich bereits losgelassen.

Der Erik fand „es ganz toll, dass wir das so spontan gemacht“ hätten, denn „Stillstand, ja, Stillstand ist der Tod“ und „ey,das könnte man ja auch schon in der Pflanzenwelt sehen“, sowieso „sollten wir alle viel mehr mit unseren Schwestern Flora und Fauna in Einklang kommen,“ und er „der Erik, würde sich seine Wohnung jetzt probehalber mit ner Schleimpilzkolonie teilen.“, die „würden halt nicht abwaschen, seien aber ansonsten sehr intelligent.“

Mir fiel nicht mehr ein als „Hmm.“ zu sagen und der Bedienung zu bedeuten, man solle mir mit dem nächsten Bier gleich nen Schnaps bringen.Oder besser zwei.

Erik trank Matetee.

Weil „Alkohol so, ne, der behindert voll deinen Energiefluss, ey“ und außerdem „vergiftest du dich selber und das ist ja auch ein Zeichen,das du dein inneres Kind nicht lieben kannst und man muss ganz dringend mit seinem inneren Kind mal aufn Spielplatz und schaukeln, für die Balance und so.“

Naja, jeder wie er mag.“ versuchte ich die Stimmung zumindest versöhnlich zu gestalten.

Esoterik-Erik reichte das für einen weiteren halbstündigen Monolog, „ne, du,auf jeden Fall, jeder muss seine eigenen Vibes haben und da mit sich selber im Rhythmus trommeln.“

Was hieß, ich konnte weiter saufen, er weiter reden. Für den

Moment schien uns das beiden zu reichen.

Und der Erik hatte immerhin auch schon eine Menge gemacht.

Er hatte Energiesteine in Indien gesammelt, war den spirituellen Weg der Erleuchtung rückwärts gelaufen, dreifacher Reikimeister, konnte Räucherstäbchen am Geschmack erkennen und hatte sich in einem Körper-Geist-Seele Seminar mit seiner eigenen Homosexualität konfrontiert und sie besiegt.

Außerdem fiel mir jetzt, nach sechs Bieren und drei Jägermeistern zusätzlich auf, dass er mit seinen langen blonden Haaren wie der junge Angelo Kelly aussah.

Dieser hatte lange meine Teenagerphantasie beflügelt und als Poster über meinem Bett gehangen.

Und Esoterik-Erik sprach genau wie Angelo sang, so beruhigend und warm und voller Liebe.

Das letzte an was ich mich erinnere, ist meine Zustimmung zu einer Privatstunde in tantrischer Erlebnispädagogik.

Da sind einzelne Bilder von Eriks Hand auf meinem Rücken, Tarotkarten und Gebetsfahnen, einer schwungvoll zu Seite gestoßenen Klangschale und ich meine mich dran zu erinnern, in Tofu gewälzt worden zu sein.

Dann wird alles dunkel.

Am nächsten Morgen wache ich mit einem Yogamattenabdruck am Hintern und einem stattlichen Kater auf.

Neben mir liegt ein Zettel:

Bin weg. Mich selber suchen. Erik.“

Und ich fühle mich erleuchtet.

Heiraten lieber erstmal nicht.

Habt ihr drei Minuten Zeit?

20 Sep

Es ist Montag morgen.

Mein Club hat gestern nur fast gewonnen, ich hab zuviel Bier getrunken und wache von dem Gefühl auf, richtig Durst zu haben und gleichzeitig richtig aufs Klo zu müssen.

Ich hatte ein tolles Wochenende, hab Menschen getroffen, die ich mag und schöne Dinge erlebt.

Nun fällt mir ein, dass ich meine Büchereibücher schon wieder nicht rechtzeitig zurückgebracht hab und jetzt zahlen muss, dass ich vergessen hab zu waschen und es somit auf Omas Notunterhosen hinaus läuft.

Das ich arbeiten muss heute und eigentlich gar nicht mag.

Kurz gesagt, alle Grundsteine für Wochenanfangsdepression sind gelegt.

Und dann beschließe ich aufzustehen und einfach mal raus zu gehen.

Ich schaue St.Pauli beim Aufwachen zu und mir fällt wieder ein, dass ich in der schönsten Stadt der Welt wohne, am besten Platz.

Dass ich die Pfandflaschen wegbringen und damit die Bücher auslösen kann, dass ich mir mit Omas Schlüppern vielleicht keinen Ehemann, aber sicher auch keine Blasenentzündung hole.

Das alles gar nicht schlimm ist.

Das man manchmal einfach nur aufstehen und raus gehen muss.

Es ging mir nicht darum, schöne Fotos zu machen.

Kann ich auch gar nicht und in meiner Welt gibt es eh nur einen, der fotografieren sollte.

Es ging darum, Wege zu gehen, die man schon tausendmal gegangen ist.

Aber jetzt mal zu einer anderen Zeit.

Sich mal anders rum zu drehen.

Und den Kopf frei zu kriegen von all den nervigen Kleinigkeiten.

Und die Augen aufzumachen für all die bisher unbemerkten Kleinigkeiten.

Ich zeig euch, was ich meine.

Habt ihr drei Minuten Zeit und kommt mit mir durchs Viertel?

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Heute freut ihr euch gefälligst.

20 Aug

Heute will ich nichts hören.

Über baldige Montage, prokrastinierte To-Do-Listen, das laute Liebesspiel der Nachbarn und vor allem nichts übers Wetter.

Heute freut ihr euch, egal ob es regnet oder die Sonne scheint, dass ihr das sehen könnt, aus dem Fenster heraus oder auf der Straße.

Das ihr wißt, was rot und blau sind und euch niemand sagen muss, auf welcher Uhrzeit die Erbsen auf dem Teller liegen.

Ich will nichts hören über den Kater nach zu viel Bier, nervende Kunden oder eure zu dicken Hintern.

Heute freut ihr euch, dass ihr diesen Hintern alleine aufs Klo bekommt und danach sauber machen könnt, dass ihr niemanden braucht, der euch dafür aus dem Bett hebt und danach wäscht.

Ich will nichts hören über zu volle Busse, verspätete Bahnen oder allgemeine Müdigkeit.

Heute freut ihr euch, dass ihr schlafen gehen könnt, wann immer ihr wollt, dass ihr nicht warten müßt, bis jemand Zeit hat euch die Decke um die Füße zu schlagen, weil ihr selber nicht dran kommt.

Das ihr nicht kurz nach dem Abendbrot schon im dunklen Zimmer liegt, eben einfach, weil jemand anderes findet, dass es jetzt Zeit dafür ist.

Das ihr euch dreht, automatisch, jede Nacht, ein paar dutzendmal, weil euer Körper es kann.

Das niemand kommt um das mit euch zu tun,damit ihr euch nicht wund liegt, alle zwei Stunden. Jede Nacht.

Ich will auch nichts über schlecht sitzende Frisuren hören, über schlecht riechende Sitznachbarn oder schlecht schmeckendes Mensaessen.

Heute freut ihr euch, dass ihr alleine essen könnt, wann immer ihr wollt, wieviel ihr mögt.

Das euch niemand den Mund zum Löffel führt und nachschaut, ob ihr die Wangen leer macht.Das euch von mir aus Fast Food ernährt oder Schokolade oder auch der Pizzadienst, aber auf keinen Fall ein Schlauch in der Nase.

Ich will nichts hören über zu laute Kinder, das schlimme Fernsehprogramm und die Frage, warum er nicht anruft.

Heute freut ihr euch, dass ihr an einen Ort ohne Kinder gehen könnt, den Fernseher einfach wieder ausschalten und das Telefon nehmen und ihn anrufen.

Das ihr niemanden braucht, der euren Rollstuhl schiebt, eure Finger auf der Fernbedienung führt und euch den Hörer ans Ohr hält.

Heute will ich all das einfach nicht hören.

Heute sollt ihr mal kurz die Klappe halten.

Und euch gefälligst freuen.

Über all diese stinknormalen Sachen.

Und dann weitermachen.

Irgendwann ist wieder Montag, wieder Regen, sitzt die Frisur schlecht und er ruft nicht an.

Und dann hör ich euch auch wirklich gerne wieder zu.

Großwerden aufm Land – ein Tatsachenbericht

14 Aug

Ich hatte ja ein sehr schwere Kindheit.

Denn ich bin Westfalen geboren.

Genauer gesagt in Ostwestfalen.

Noch genauer auf einem Bauernhof.

Wenn die im Osten also dauernd behaupten, sie hätten ja nichts gehabt, kann ich behaupten, irgendwie auch dabei gewesen zu sein.

Während andere Kinder die Welt vom Li-La-Launebär und aus Pixiebüchern lernten, sah ich zu, wie Schweine Ferkel kriegen.

Wie im Kreißsaal, nur auf Stroh.

Wie von Götterspeise umhüllt flutschten die kleinen rosa Dinger nur so aus Sau heraus, die scheinbar intuitiv wusste, was sie da tat.

Auch ohne PDA.

Mit ganz verklebten Augen wuselten sie um die Mutter herum und versonnen betrachteten wir Kinder das Wunder der natürlichen Geburt.

Die Freude fand allerdings ein jähes Ende als Bauer Rainer alle Ferkelchen ertränkte, die beim dritten Mal nicht die mütterliche Zitze fanden.

Zu schwach zum Leben.

So lernte ich schnell:

Iß, oder die rauhe Hand des Lebens hängt dich kopfüber in einen Wassereimer.

Jetzt war ich also ein dickes Kind auf einem Bauernhof.

In der ostwestfälischen Provinz.

Trecker fahren wird ja allgemein als sehr romantisch betrachtet.

Und das mag es auch sein.

Wenn sie dich nicht zum Fahrrad fahren lernen an die Anhängerkupplung hängen.

Im Maisfeld.

Der größte Spaß der Nachbarsjungs bestand genau darin, mich mitten in so ein Nutztierfutterlabyrinth zu ziehen, die Leine zu kappen und abzuhauen.

Mit der hämischen Bemerkung, verhungern würde ich ja nicht.

Und wenn ich dann nach Hause kam, Stunden später, durch gefroren, verängstigt und vom Leben gezeichnet, wurde mir eröffnet, dass ich jetzt leider nach Opa baden müsse.

Schließlich sei ich nicht da gewesen.

Opa hatte schlimme Schuppen und offene Beine.

Aber, Tradition ist Tradition und auf dem Land wird die Wanne nur einmal aufgefüllt.

Wer nach Opa dran war, war wirklich ganz am Ende.

Kälbchen füttern.

Auch so eine Erfindung der Städter um sich den Kuhstallgestank schön zu reden.

Eines schönen Morgens stand ich also da, mit meinen Flaschen voller Milch und meinem von blonden Locken umrahmten Pfannkuchengesicht, bereit in einem roten Sommerkleid alle hungrigen Kuhkinder glücklich zu machen.

Rot ist eine hervorragende Signalfarbe.

Glaubt ihr nicht?

Fragt sie mal den Puter.

Er muss mich minutenlang hypnotisch angestarrt haben, um dann mit lautem Gegacker, geschwollenem Kamm und wildem Flügelschlagen auf mich zugerannt zu kommen.

Hilflos ließ ich die Milchflaschen fallen und rettete mich in den Pferdestall.

Leider in den Falschen.

Das Pony hieß Prinz und war zumindest seiner Meinung nach im Pferdestall der König.Um mich das unmißverständlich wissen zu lassen,trat er mir erst vors Knie und biß mich dann in die Schulter.

Danach heulte ich so, dass der Puter vor Schreck Platz machte und ich mich ins Wohnhaus flüchtete.

Bei der anschließenden Säuberung der Wunde bekam ich keine aufmunternden Worte oder tröstende Streicheleinheiten, sondern eine rohe Kartoffel zwischen die Zähne.

Was sollten denn die Nachbarn beim nächsten Kirchgang sagen, wenn das Blag wieder das ganze Haus zusammen brüllt?

Diese Narben trage ich seit heute.

Die vom Biss und die von der Kartoffel.

Trauriger war nur der Tag, an dem meine Schildkröte wegrannte.

Sie war das einzige Tier,was ich jemals gemocht hatte.

Weil sie war,wie ich.

Langsam,behäbig und erst unterm Panzer richtig gut.

Gerade deshalb nahm ich sie gern mit ins Planschbecken.

An einem schönen Sonnentag im August muss ich nicht richtig aufgepasst haben und Fischbrötchen floh in die Freiheit.

Bis heute vermute ich sie im Pool der neureichen Nachbarn.

Leider bin ich damals wie heute nicht in der Laune, über den Zaun zu klettern und nach zu schauen.

Sicher hat groß werden auf dem Land auch was Gutes.

Wo andere versuchten, sich Knutschflecke mit Hilfe von Staubsaugern zu zu fügen, um interessanter zu wirken, hatte ich eine Melkmaschine.

Mehr Power!

Allerdings sollte man keinen Finger rein stecken. Auch keine zwei.

Der Bauer versteht da wenig Spaß und ist generell der Pubertät gegenüber eher skeptisch eingestellt.

Als meine Hormone mein Brustwachstum unweigerlich voran trieben und die Frage nach dem ersten BH sozusagen offensichtlich im Raum stand, hieß es:

Wozu dem Mädchen neue Unterwäsche kaufen? Geh nach oben an die Aussteuertruhe, Oma hat dir da ein Mieder rein gepackt.“

So sass ich also auf meiner ersten Engtanzparty.

Mit blauen Knien,nach Kuhstall stinkend und in der hintersten Ecke.

Es hatte sich nämlich heraus gestellt, dass Oma befürchtete, meine nach der Ferkelgeschichte immer voluminöser werdenden Körpermaße würden sich nach der Heirat noch um ein Vielfaches ausdehnen.

Dieses fleischfarbene Mieder war wie ein Schlafsack aus Haut.

Aber meine Mutter hatte mal wieder bewiesen, was Bauernschläue bedeutet und dem ganzen mit Nähnadel und Garn eine Form gegeben, die unter der neuen Bluse die Brüste hochhalten sollte.

Leider die Form einer Stopfgans.

Das,was sie sonst mit Nadel und Faden vernähte.

Im schummrigen Schein der Teelichter hoffte ich einfach, von niemandem bemerkt zu werden.

Der Plan scheiterte natürlich als es zum Flaschendrehen kam und Mädchen und Jungs in westfälischer Reihe abwechselnd im Kreis sitzen mußten.

Mir schwante langsam, nur aus diesem Grund eingeladen worden zu sein.

Und wirklich traf die Flasche mich und Guido Geppke. Und bescherte mir den ersten Engtanz meines Lebens.

Zu Runaway train. Von Soul Asylum.

In der langen Version.

Bewegten wir uns zu Anfang noch etwas linkisch, so fanden Guido und ich immer mehr einen Rhythmus und er unfassbarer Weise einen Weg, mich mit seinen kleinen Armen vollständig zu umfassen.

Zum Schluss legte ich sogar,etwas verschüchtert zwar aber merkbar meinen Kopf auf seine Schulter.

Beseelt ging ich heim und schlief in meinem Miederstopfganskostüm, weil niemand mehr wach war, um mir die Nähte aufzutrennen.

Als am nächsten Morgen ein Polaroidbild von mir und Guido am schwarzen Brett der Dorfkirche hing, bei dem er hinter meinem Rücken nicht nur eine versaute Geste machte, sondern der zu weit gewählte Ausschnitt meiner Tanzbluse auch noch vollen Einblick auf mein fleischfarbenes Gerüst der Brusthaltung gab, schwor ich mir, in die Stadt zu ziehen.

Und nie wieder zurück zu kommen.

Und das hab ich ja dann auch gemacht.

Zu wahr gewesen, um schön zu sein.

19 Jul

Das ist Alles, was übrig ist.“ sagt er und schmeißt den Kronkorken mit drei ausgedrückten Kippen in den Müll.

Du nickst und weißt, er meint die Reste vom Grillen.

Er grinst und weiß nicht, dass du eigentlich euch meinst.

Diese Liebe ist so groß, dass sie niemals enden kann.“ hast du damals gedacht.

Heute glaubst du, dass manche Dinge einfach zu groß sind, um sie überhaupt anzufangen.

Schließlich hast du auch nie ernsthaft probiert Astronautin zu werden oder Gleichungen mit drei Variablen abzuleiten.

Damals war Nacht.

Schon immer kam dir das Leben nachts leichter vor und in dieser Nacht besonders.

Du wärst gut am Kicker, hat er gesagt, besonders im Mittelfeld.

Nur ein wenig Schwung im linken Handgelenk würde fehlen.

Und da hast du gelacht und ihn nicht ernst genommen und noch mehr Bier geholt.

Später in der U-Bahn hat er erzählt, dass Mädchen eigentlich doof seien, aber du nicht, du seist prima.

Gar nicht zu Ende sprechen konnte er den Satz, nicht in einem Stück, weil du ihn immer küssen mußtest, mitten ins Gesicht.

Wenig hat sich so perfekt angefühlt wie dieser Moment.

Nachgeklungen hat er wie eine Note aus dem Lieblingsmusikstück, die man einfriert, sich um den Hals hängt und jederzeit wieder anschlagen kann.

Zu keinem Zeitpunkt hat er dein Leben verändert.

Er hat es immer nur besser gemacht.

Und jetzt legt er die Decken zusammen und spricht übers Wetter und streicht dir einen Käfer aus dem Haar, als ob nichts wäre.

Als ob es nicht deine Welt zerstört hätte, als er ging.

In der du Platz für ihn gemacht hast, zwischen all den Seifenblasen und Pflastersteinen und Regenpfützen.

Er hat dir zugehört, wenn du betrunken heim gekommen zwei Stunden gesungen hast. Weil da soviel Musik in dir war, die raus mußte.

Du hast ihm zugehört, wenn er im Schlaf gesprochen hat.

Drei ausgedrückte Kippen im Kronkorken, der klirrend auf den Boden des Mülleimers fällt.

Nur das und ein wenig kalter Zigarettenrauch vorm U-Bahnfahrplan.

Mehr ist nicht von euch übrig.

Hamburg ♥ Dresden

6 Jul

Das ich zur Stadt weiter abwärts seit ich podcaste ein besonderes Verhältnis habe, ist ja landläufig bekannt.

Das mich die Tweets aus Dresden durch meine Hamburger Tage begleiten,eher weniger.

Von dem Moment, an dem ich erwache bis zum Nachhauseweg im Dämmerlicht. (Wie die großartige Band „Monostars“ so schön singt.)