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Wie es wirklich ist.Ein ganzer Tag mit PMS.

2 Nov

6:00 Uhr

Wecker klingelt.Verfluche das Leben,meinen Job und das Morgengrauen. Will Kaffee.

6:15 Uhr

Tagestiefpunkt erreicht. Blick in den Spiegel. Bei einem könnte man vielleicht noch von Pickeln reden. Aber das hier ist eine Katastrophe.

6:30 Uhr

Probiere, mich anzuziehen. Alles, was ich hab, ist über Nacht hässlich geworden und über den Brüsten zu klein. Schaffe es nur mit Beherrschung, nicht zu weinen.

07:15 Uhr

Verlasse das Haus.

07:18 Uhr

Kehre zurück um meine Tasche zu holen.

07:23 Uhr

Verpasse meine Bahn. Weine jetzt bitterlich. Mann am Kiosk versucht mich durch freie Auswahl aus dem Sortiment zu beruhigen.

08:00 Uhr

Ankunft im Büro. Stinke nach Fernet Branca und Lakritze. Also, alles wie immer, niemand schöpft Verdacht.

10:28 Uhr

Ausgeglichene Stimmung nun schon zweieinhalb Stunden gehalten. Belohne mich mit Familientafel Milka.

10:29 Uhr

Erinnere mich, dass man von Schokolade fett wird und keinen Freund findet. Bin sehr traurig. Esse nun Chips.

12:45 Uhr

Mittagspause. Schäle eine Mandarine. Überlege, dass ihr nun sicher kalt sein wird. Weine erneut.

12:46 Uhr

Habe sie trotz Mitleid gegessen. Weine nun, weil ich so ein schlechter, hormongesteuerter Mensch bin. Erkläre dies Herrn Meyer aus der Buchhaltung. Weint jetzt aus den selben Gründen.

14:25 Uhr

Tagestiefpunkt erreicht. Kundengespräch.

16:17 Uhr

Kollegin im Mutterschutz bringt Baby zum Zeigen vorbei. Verfalle in Verzückungslaute. Welt ist rosarot und schmeckt nach Kirsche.

16:19 Uhr

Kind konnte auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht beantworten: „Wer denn da ist?“ Schreibe Termin im Tierheim auf To-Do-Liste. Hunde sind eh hübscher.

17: 29 Uhr

Feierabend. Werfe jedem, der mir noch einen schönen Tag wünscht Todesblicke zu. Der letzte wirft den Tacker zurück. Kann nicht fangen. Au.

18:15 Uhr

Im Briefkasten nichts Neues. Also keine Rechnung. Also auch kein Liebesbrief. Bin zerrissen zwischen Emotionen. Hab aber noch Fernet.

19:00 Uhr

Esse Nudeln mit Käse.

19:01 Uhr

Erinnere mich,dass auch die fett machen und man dann keinen Freund findet. Macht mich auch nach der dritten Portion noch traurig.

19:46 Uhr

Entdeckt, dass staubsaugen noch einige Wochen länger verzögert werden kann, wenn Staub strategisch unter Schrank geföhnt wird. Wieder fröhlich.

20:30 Uhr

Tagestiefpunkt erreicht. Öffentlich-Rechtliches Fernsehen.

20:55 Uhr

Der heimische Rüsselkäfer stirbt aus. Kann mich von halb stündlichem Heulkrampf nur schwer erholen.

21:12 Uhr

Absoluter Tagestiefpunkt erreicht. Mutter ruft an. Beschimpfe sie und schreibe ihrer Eizelle alle Schuld für mein Geschlecht zu. Mutter versteht und seufzt. Sie hat soviel Kummer mit mir. Schluchze deswegen schuldbewusst. Mutter legt auf. Sie hat mich nie geliebt. Schlampe.

21:29 Uhr

Gehe zu Bett. Schaue in Kalender. Noch 13 Stunden, dann ist Menstruation. Gott sei Dank.

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Habt ihr drei Minuten Zeit?

20 Sep

Es ist Montag morgen.

Mein Club hat gestern nur fast gewonnen, ich hab zuviel Bier getrunken und wache von dem Gefühl auf, richtig Durst zu haben und gleichzeitig richtig aufs Klo zu müssen.

Ich hatte ein tolles Wochenende, hab Menschen getroffen, die ich mag und schöne Dinge erlebt.

Nun fällt mir ein, dass ich meine Büchereibücher schon wieder nicht rechtzeitig zurückgebracht hab und jetzt zahlen muss, dass ich vergessen hab zu waschen und es somit auf Omas Notunterhosen hinaus läuft.

Das ich arbeiten muss heute und eigentlich gar nicht mag.

Kurz gesagt, alle Grundsteine für Wochenanfangsdepression sind gelegt.

Und dann beschließe ich aufzustehen und einfach mal raus zu gehen.

Ich schaue St.Pauli beim Aufwachen zu und mir fällt wieder ein, dass ich in der schönsten Stadt der Welt wohne, am besten Platz.

Dass ich die Pfandflaschen wegbringen und damit die Bücher auslösen kann, dass ich mir mit Omas Schlüppern vielleicht keinen Ehemann, aber sicher auch keine Blasenentzündung hole.

Das alles gar nicht schlimm ist.

Das man manchmal einfach nur aufstehen und raus gehen muss.

Es ging mir nicht darum, schöne Fotos zu machen.

Kann ich auch gar nicht und in meiner Welt gibt es eh nur einen, der fotografieren sollte.

Es ging darum, Wege zu gehen, die man schon tausendmal gegangen ist.

Aber jetzt mal zu einer anderen Zeit.

Sich mal anders rum zu drehen.

Und den Kopf frei zu kriegen von all den nervigen Kleinigkeiten.

Und die Augen aufzumachen für all die bisher unbemerkten Kleinigkeiten.

Ich zeig euch, was ich meine.

Habt ihr drei Minuten Zeit und kommt mit mir durchs Viertel?

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St. Pauli – eine Liebeserklärung

27 Mai


Es war ein klarer Frühlingstag, um mich herum schrien tausend Leute wie aus einer Kehle und in meiner Hand hielt ich einen Plastikbecher mit Bier.

An diesem Tag begann meine Liebe zu St. Pauli.

Das Millerntorstadion, in dem ich stand und zum ersten Mal die Boys in braun zu den Höllenglocken auf den heiligen Rasen einlaufen sah, war nur der Anfang.

Mein St. Pauli, das ist nicht nur die Reeperbahn, eben Udos geile Meile, 900m lang und wenn die Sonne untergeht, voller Lichter.

Auf der die einen Mädchen in der Schlange vorm Geldautomaten, die andern aufgereiht vor Burger King stehen, um ihrerseits Geld zu verdienen.

Es ist nicht nur der Hans-Albers-Platz, auf dem im Sommer mehr Glas zu Bruch geht, als an jedem Polterabend im Landgasthaus Castrop-Rauxel.

Es sind nicht nur die Sex-Shops, die mit ihren Auslagen tausende Klassenreisende zum Kichern und doppelt so alte Kegelausflügler zum Erröten bringen.

Für mich ist St.Pauli der einzige Ort der Welt, der mich atmen lässt.

An dem sich meine Lunge bis zum Zwerchfell mit Glücklichkeit füllt,sie gerade so lange festhält bis der schönste Teil ins Blut über getreten ist, um sie dann mit einem sehnsüchtigem Seufzer ins Viertel zurück zu geben.

Auf St. Pauli kannst du sein, was du willst.

Ein Gang von der U-Bahn Haltestelle am Heiligengeistfeld bis zur Endo-Klinik am anderen Ende der Straße reicht, um alle Facetten des menschlichen Elends, Glücks, Scheiterns und Siegens gesehen zu haben.

Sie steigen mit mir aus der Bahn, die Jungs Anfang zwanzig, mit ihren Gitarren locker über der Schulter, auf dem Weg zum ersten Gig im kleinen Underground-Club.

Vermutlich kennen sie den Besitzer und nun auch das Gefühl, den besten Abend ihres Lebens vor sich zu haben.

Ein paar Meter weiter werden sie sehnsüchtig von ebenso blutjungen Indiemädchen angeschmachtet.

Alle ganz individuell gleich in Röhrenjeans und Nerdbrillen gekleidet.

Auf dem Spielbudenplatz tobt das Leben.

Olivia Jones zeigt einer Gruppe Mitte fünfzig die Kondomerie, den kleinsten Sex-Shop der Welt.

Als Gegenleistung lachen diese über ihre schlüpfrigen Witze und sind einen Abend tolerant und weltoffen gegenüber Homosexuellen.

Vor allem gegenüber zwei Meter großen, die auch noch Stöckelschuhe tragen.

An der Ecke vor der Davidswache streitet sich ein ziemlich heruntergekommenes Pärchen über die Wodkaverteilung in ihren Plastikbechern.

Das sie die Hosen an und nachher den meisten Wodka im Gesicht hat, entgeht den Touristen mit Brustbeutel und Kamera am Handgelenkband.

Die wollen nur schnell ein Foto von den herbei eilenden Polizisten machen.

Vielleicht erkennt man einen auf Pro Sieben wieder.

Vor jedem zwielichtigen Eingang, in dem am frühen Nachmittag noch Menschen ohne Obdacht wohnen, stehen jetzt die Koberer.

Allen voran die Frau mit dem goldenen Hut.

Ihre Mädchen sind die schönsten, ihre Läden die besten, ihre Shows die geilsten.

Nur das ihr Warsteiner 6 Euro kostet, das verschweigen sie.

Auf der linken Straßenseite plötzlich ruhigere Töne.

Die Heilsarmee ist ausgerückt.

Bepackt mit Mann und Maus und roten Westen tragen sie unbeirrt ihr Kreuz durch die vergnügungssüchtige Menge.

Ein Ghettoblaster verkündet die Ankunft des Herrn und schaut man in die ernsten Mienen der jungen Freiwilligen, so will man gerne glauben, dass er kein gutes Haar an diesem Sündenpfuhl lassen wird.

Und das darf auf nicht mal einem Kilometer alles nebeneinander sein.

Aber mein St. Pauli ist nicht nur das offensichtliche der Wochenenden und Betrunkenen.

Mein St.Pauli ist das Café, in dem Hans mindestens 10 Minuten für meine Ovomaltine braucht und belgische Waffeln immer ausverkauft sind.

Der Laden im Keller, in dem die Wandersmänner Geschichten erzählen und die Wirtin immer am meisten Drogen genommen hat.

Es ist das Kribbeln, was das Viertel vor einem Heimspiel des Clubs erfasst.

Und die Ruhe der Straßenfeger am Sonntagmorgen nach dem Sturm.

Als ich St.Pauli zum ersten Mal sah, hab ich die Arme ausgebreitet um es zu umarmen.

Nicht eine Sekunde hat es gezögert, zurück zu umarmen.

Come as you are!“ scheint es zu rufen, mach dir keine Gedanken und immer was du willst.

Hier hab ich gelacht und getanzt und geweint.

Mich verliebt und entliebt und wieder verliebt.

Morgens um fünf über Aufstellungen diskutiert und fast mal auf die Tanzfläche gekotzt.

St.Pauli hat mir keines dieser Dinge je vorgehalten.

Denn dort ist keiner besser.

Aber jeder, wie er mag.

17 Mrz

Es wird langsam hell in der großen Stadt.

Die aufgehende Sonne spiegelt sich in den Fensterfronten der hohen Straßenschluchten.Obwohl die Vögel schon zwitschern, scheint es still zu sein. So als läge alles noch in den letzten Zügen des Dämmerschlafes, bevor das Erwachen einsetzt.

Es ist Frühling geworden.

Sein Geruch hängt in den Büschen und versteckt sich auf Kinderspielplätzen. Er scheint willkommen und seine Anwesenheit hüllt alle Wege in tiefe Ruhe.

Ihre Schritte hallen wider vom Asphalt,der noch nicht ganz wieder aufgetaut ist.

In dem noch etwas zu spüren ist von der Angst zu erfrieren, die der Winter hinterlässt.

Sie ist allein auf der Straße, die von der U-Bahn-Station zu ihrem Zimmer führt. Es macht ihr nichts aus. Sie betrachtet das Leben, das langsam aber stetig hinter den Fenstern der Stadt erwacht.

Es ist nicht das erste Mal, dass sie noch wach ist, bevor alle anderen erwachen.

Getanzt hat sie, die ganze Nacht. Gelacht, getrunken, gelogen und die Wahrheit gesprochen.

Und nun geht sie mitten durch den Frühling nach Hause. Wie schon so oft.

Doch diesmal ist etwas anders:

Ihr Bett ist nicht leer.

Ein Arm liegt darin.

Festgewachsen an einer wohlgeformten Schulter. Und ein Kopf liegt auf der linken Seite mitten auf ihrem Kissen. Mit braunen Augen, die vermutlich noch geschlossen sind.

Und in die Beuge dieses Armes wird sie ihren Kopf legen.

Sobald sie leise die Tür aufgeschlossen hat, ihre Schuhe abgestreift und ihre Haare zusammengebunden.

Wenn der Kopf seinen Platz in der Beuge gefunden hat, legt sie ihre Hand auf den Bauch, der auch irgendwie an diesem Arm hängt. Und sie spürt, wie der Atem regelmäßig den Bauch füllt und ihn leise strömend wieder verlässt.

Kurz bevor sie ihre Augen schließt, die ihrerseits blau sind, flüstert sie gegen einen warmen, sich hebend und senkenden Brustkorb:

„Du bist mir das Liebste und Schönste auf der Welt. Das weiß ich, denn ich habe sie heute betrachtet. Deshalb kam ich zu dir zurück. Und das würde ich wieder tun.“

Da legt sich dieser Arm um sie. Umschließt sie.

Und obwohl die Vögel zwitschern, scheint es ruhig zu sein.

Und die Ruhe hüllt sie ein.

Und nichts ist mehr zu spüren von der Angst zu erfrieren, die der Winter hinterlässt.

16 Mrz

Es war der Sommer, in dem ich lernte mit Flip-Flops zu rennen.

Der Sommer in dem ich die Tür zu meinem Elternhaus zuschlug mit der Gewissheit,sie nie wieder öffnen zu wollen.

Mein erster Sommer in der großen Stadt.

Ich verdiente mein Geld als Zimmermädchen und Telefonistin,um es dann in die Kneipen zu tragen. Schlief kaum mehr als vier Stunden in drei Nächten und selten allein.

Stand oben auf dem 10m-Brett mit ausgebreiteten Armen und das Becken unter mir war voller Leben.

Voller Menschen, die angelächelt werden mußten,voller Musik,zu der getanzt werden mußte,voller Schnaps,der getrunken werden mußte.

Ich machte die Arschbombe und mir nichts daraus,Wasser zu schlucken.

Mein letztes Ersparnis ging drauf für ein Ticket zum Meer.

In diesem Sommer schrieb ich Briefe an Bambi.Der bekanntlich mein bester Freund war,seit seinem 12. Lebensjahr Steinchen an mein Fenster schmiss,der mich weinen sehen durfte.Und zwei Jahre älter war als ich.Schon immer.

Ich schrieb ihm Briefe vom Strand.

Manchmal standen unbekannterweise Grüße von dem Mann neben mir darunter.Manchmal schickte ich ihm eine Handvoll Sand.

Bambi mass meinen Männergeschichten nie viel Bedeutung bei.

Ehrlich gesagt,tat ich es auch nicht.Verknallt war ich immer.In irgendwen.

Der letzte Satz in einem von Bambis Briefen war:

„Schneide von mir aus nie deine Haare ab,lege keinen Bausparvertrag an und werde nicht erwachsen,aber lerne auf dich aufpassen zu lassen.“

Darauf schrieb ich eine Karte aus dem Zug:

„Lass mich noch,Bambi. Nur noch ein wenig.Lass mich nur noch ein paar Mal in fremden Wohnungen aufwachen und sehen,wie lieb ich schauen muss um Kaffee zu bekommen.Nur noch kurz sehen,wie es seien könnte.Wie weit ich gehen kann.Wie oft ich hinfallen muss,um nicht mehr aufstehen zu wollen.“

Zwei Tage später schickte Bambi ein Telegramm:

„Dann lauf Glückskind.Und fall ruhig.Ich fang dich bei Bedarf.“