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Turnhallentrauma.

14 Nov

Wie bereits mehrfach erwähnt, war ich ein dickes Kind.

 

Mit Puddingärmchen und Puddingbeinchen, die bei einem Säugling Passanten noch nach Kindchenschema zum Verzücken bringen, bei einer Achtjährigen aber eher die Frage der Verwahrlosung in den Raum stellen.

 

Ein einziges Mal spielte ich in meiner Schulzeit die Hauptrolle in einem Theaterstück.

Dem Märchen vom dicken, fetten Pfannekuchen.

 

Gleichzeitig besaßen wir wenig Geld und meine Mutter schnitt uns aus Sparmaßnahmen den Pony selbst. Grade und kurz über den Augenbrauen endend.

 

Dieser Frisurenwahnsinn, der uns Kinder der frühen 80er gepaart mit Radlerhosen und einem furchtbaren Musikgeschmack das Leben sowieso schon schwer machte, war aber nicht mein größtes Problem.

 

Sondern das, was alle dicken Kinder zutiefst traumatisiert und Scharen von Therapeuten Jahre später Brot und Miete sichert:

 

Der Sportunterricht.

 

Es fing schon beim Umziehen an.

Das Problem daran war, kurzzeitig nackt zu sein.

 

Pubertierende Mädchen sind nicht gerade Verfechter von Solidarität, Anstand und Moral.

Es sind wilde Raubtiere,jederzeit bereit durch einen abschätzigen Kommentar eindeutig klar zu machen, wer an der Spitze der Hackordnung steht.

 

Es ist subtiler als unter Jungen.

Es sind keine Schläge, es sind Emotionen.

 

Ein Blick der Klassenschönheit auf dein gräulich ausgeleiertes Sportbustier und für die nächsten Wochen stehst du als Spottobjekt der 7d unumstößlich fest.

 

Mit der Zeit kannte ich alle Tricks.

 

Das Sportshirt schon in der großen Pause auf dem Schulklo drunter ziehen.

Entweder sehr schnell oder sehr langsam sein, um die Umkleide für sich allein zu haben.

Den schwer einsehbaren und strategisch gut gewählten Platz direkt hinter Tür.

 

Zusätzlich zog ich stets zwei Unterhosen übereinander, um den straffenden Effekt eines Stützstrumpfes zu imitieren.

 

Hätte ich soviel Ehrgeiz in meine gesamte Schulkarriere investiert, wie in die Planung mich meinen Mitschülerinnen auf keinen Fall nackt zu präsentieren, wer weiß, was aus mir hätte werden können.

Ärztin, Astronautin, Professorin.

 

So hingegen kann ich mich einfach wahnsinnig schnell an- und wieder ausziehen.

 

Jeder Versuch meinen Lebenspartner durch langsames Abstreifen meiner Kleidung zu körperlichen Höchstgelüsten anzustacheln, scheitert.

Wobei nicht das größte Problem ist, dass ich in fünf Sekunden nackt bin, sondern eher, das ich sofort nach Entledigen meiner Sachen in der Hälfte der Zeit die Hosen wieder an hab.

Er muss also den Raum verlassen, wenn ich die Kleidung ablege und den richtigen Moment abpassen, in dem ich gerade unter die Decke geschlüpft bin, um meine Klamotten dann so zu positionieren, dass ich sie auf keinen Fall erreiche, bis er mich auf andere Gedanken als Wiederbekleidung gebracht hat.

 

Erotik geht anders.

 

Aber die Umkleide war nur der Auftakt.

Das wirkliche Drama spielt sich in der Turnhalle ab.

 

Warmlaufen.

 

Ein so nettes Wort für eine so hässliche Sache.

Ich musste sicher zwanzig Kilo zu viel mit mir herumschleppen, nach drei Runden im Kreis war mir nicht warm, sondern ich war beatmungspflichtig.

 

Alles, was ich wollte war, dass es aufhört.

Das ich mich hinlegen und sterben kann.

 

Alles, was mein Sportlehrer wollte war, dass ich Liegestützen machte.

 

Diese Forderung unterstrich er mit einer Trillerpfeife und meinem mehrfach laut gebrüllten Namen.

Bis auch jeder Depp in der Mehrzweckhalle verstand, dass die Dicke es nicht kann.

 

Mit Tränen in den kleinen Rosinenaugen rückte die nächste Stufe der Demütigung unaufhörlich näher.

 

Zirkeltraining.

 

Sprossenwand, Hängeseil, Medizinbälle.

Nie hab ich diesen Namen verstanden, denn Medizin sollte gut für Menschen sein, sollte sie heilen und ihnen Schmerzen nehmen, keine zufügen.

 

Ich konnte weder klettern, noch laufen, noch werfen.

Seit der fünften Klasse hatten meine Sportnoten mir das bestätigt, meine Lehrer mir das eingetrichtert, das spöttische Lachen meiner Mitschüler das deutlich gemacht.

 

Geräteturnen.

 

Keine Ahnung, wer sich mehr quälte. Ich, bis ich meine dicken Ärmchen endlich das Reck hoch gestemmt hatte, oder mein Lehrer bei der Hilfestellung zum Feldaufschwung.

Wir stöhnten beide und gaben uns die nächsten Jahre im stillen Einverständnis damit zufrieden, dass ich diese Übungen verweigerte und eine Sechs kassierte.

 

Durch meine Noten in allen Fächern ohne Bewegung konnte mir das egal sein.

 

Und da ich immer meine Hausaufgaben teilte, wurde ich als Gegenzug als höchstens Vor-vorletzte in die Brennballmannschaft gewählt und entging zumindest dem weit verbreiteten Letzte-auf-Bank-Trauma.

 

Alljährlicher Höhepunkt schulischer Grausamkeit gegen Menschen mit sportlichen Defiziten waren eindeutig die Bundesjugendspiele.

Vorgeführter wurden nur früher nur Frauen mit Bärten auf Jahrmärkten.

 

Laufen, Springen, Werfen.

 

Der furchtbare Dreiklang organisierter Brutalität im Namen der körperlichen Ertüchtigung.

 

Nicht nur, dass alle zusahen, wie ich nach Herzenskräften bemüht den Gummiball von mir weg schleuderte.

Als Krönung wurde das Ergebnis auch noch lautstark nach jedem der drei Versuche verkündet.

 

Hundertmark, 20cm! Korrigiere, -20cm. Der Ball landete hinter Teilnehmerin.“

 

Beim Springen ins Sandbecken wunderte sich niemand mehr über die drei ungültigen Versuche hinter meinem Namen, nach dem Anlauf war ich längst viel zu sehr aus der Puste, als noch irgendein Körperteil vom Boden zu heben.

 

Der 50m-Lauf machte meinen Untergang perfekt, als der Lehrer schon die nächste Gruppe starten ließ, während ich mich noch in der Mitte der Bahn befand. Es würde ihm sonst zu lange dauern und ja auch irgendwann dunkel werden.

Natürlich überschritt ich die Ziellinie trotzdem als Letzte.

 

Und dann Siegerehrung.

Alle liefen ihren Eltern fröhlich mit Ehrenurkunden und Auszeichnungen entgegen,nur aus meiner linken Faust tropfte Blut.

Fast so tief wie der Vormittag voller Niederlagen in mein Herz, hatte sich der Pin für einfach nur Teilnahme in meine Handinnenfläche gebohrt.

 

Einmal hab ich diesen Wahnsinn über mich ergehen lassen.

Und mich dann konsequent zehn aufeinander folgende Jahre entzogen, in dem ich nach und nach alle Familienmitglieder sterben oder zumindest schwer erkranken ließ.

 

Danke an dieser Stelle an meine Oma, die im Dorf immer überzeugend von ihrem nie stattgefunden Herzinfarkt berichtete.

 

Vielleicht waren es Schuldgefühle.

Das Dicke-Kind-Sein hab ich sicher von ihr geerbt.

 

 

 

 

 

 

 

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Großwerden aufm Land – ein Tatsachenbericht

14 Aug

Ich hatte ja ein sehr schwere Kindheit.

Denn ich bin Westfalen geboren.

Genauer gesagt in Ostwestfalen.

Noch genauer auf einem Bauernhof.

Wenn die im Osten also dauernd behaupten, sie hätten ja nichts gehabt, kann ich behaupten, irgendwie auch dabei gewesen zu sein.

Während andere Kinder die Welt vom Li-La-Launebär und aus Pixiebüchern lernten, sah ich zu, wie Schweine Ferkel kriegen.

Wie im Kreißsaal, nur auf Stroh.

Wie von Götterspeise umhüllt flutschten die kleinen rosa Dinger nur so aus Sau heraus, die scheinbar intuitiv wusste, was sie da tat.

Auch ohne PDA.

Mit ganz verklebten Augen wuselten sie um die Mutter herum und versonnen betrachteten wir Kinder das Wunder der natürlichen Geburt.

Die Freude fand allerdings ein jähes Ende als Bauer Rainer alle Ferkelchen ertränkte, die beim dritten Mal nicht die mütterliche Zitze fanden.

Zu schwach zum Leben.

So lernte ich schnell:

Iß, oder die rauhe Hand des Lebens hängt dich kopfüber in einen Wassereimer.

Jetzt war ich also ein dickes Kind auf einem Bauernhof.

In der ostwestfälischen Provinz.

Trecker fahren wird ja allgemein als sehr romantisch betrachtet.

Und das mag es auch sein.

Wenn sie dich nicht zum Fahrrad fahren lernen an die Anhängerkupplung hängen.

Im Maisfeld.

Der größte Spaß der Nachbarsjungs bestand genau darin, mich mitten in so ein Nutztierfutterlabyrinth zu ziehen, die Leine zu kappen und abzuhauen.

Mit der hämischen Bemerkung, verhungern würde ich ja nicht.

Und wenn ich dann nach Hause kam, Stunden später, durch gefroren, verängstigt und vom Leben gezeichnet, wurde mir eröffnet, dass ich jetzt leider nach Opa baden müsse.

Schließlich sei ich nicht da gewesen.

Opa hatte schlimme Schuppen und offene Beine.

Aber, Tradition ist Tradition und auf dem Land wird die Wanne nur einmal aufgefüllt.

Wer nach Opa dran war, war wirklich ganz am Ende.

Kälbchen füttern.

Auch so eine Erfindung der Städter um sich den Kuhstallgestank schön zu reden.

Eines schönen Morgens stand ich also da, mit meinen Flaschen voller Milch und meinem von blonden Locken umrahmten Pfannkuchengesicht, bereit in einem roten Sommerkleid alle hungrigen Kuhkinder glücklich zu machen.

Rot ist eine hervorragende Signalfarbe.

Glaubt ihr nicht?

Fragt sie mal den Puter.

Er muss mich minutenlang hypnotisch angestarrt haben, um dann mit lautem Gegacker, geschwollenem Kamm und wildem Flügelschlagen auf mich zugerannt zu kommen.

Hilflos ließ ich die Milchflaschen fallen und rettete mich in den Pferdestall.

Leider in den Falschen.

Das Pony hieß Prinz und war zumindest seiner Meinung nach im Pferdestall der König.Um mich das unmißverständlich wissen zu lassen,trat er mir erst vors Knie und biß mich dann in die Schulter.

Danach heulte ich so, dass der Puter vor Schreck Platz machte und ich mich ins Wohnhaus flüchtete.

Bei der anschließenden Säuberung der Wunde bekam ich keine aufmunternden Worte oder tröstende Streicheleinheiten, sondern eine rohe Kartoffel zwischen die Zähne.

Was sollten denn die Nachbarn beim nächsten Kirchgang sagen, wenn das Blag wieder das ganze Haus zusammen brüllt?

Diese Narben trage ich seit heute.

Die vom Biss und die von der Kartoffel.

Trauriger war nur der Tag, an dem meine Schildkröte wegrannte.

Sie war das einzige Tier,was ich jemals gemocht hatte.

Weil sie war,wie ich.

Langsam,behäbig und erst unterm Panzer richtig gut.

Gerade deshalb nahm ich sie gern mit ins Planschbecken.

An einem schönen Sonnentag im August muss ich nicht richtig aufgepasst haben und Fischbrötchen floh in die Freiheit.

Bis heute vermute ich sie im Pool der neureichen Nachbarn.

Leider bin ich damals wie heute nicht in der Laune, über den Zaun zu klettern und nach zu schauen.

Sicher hat groß werden auf dem Land auch was Gutes.

Wo andere versuchten, sich Knutschflecke mit Hilfe von Staubsaugern zu zu fügen, um interessanter zu wirken, hatte ich eine Melkmaschine.

Mehr Power!

Allerdings sollte man keinen Finger rein stecken. Auch keine zwei.

Der Bauer versteht da wenig Spaß und ist generell der Pubertät gegenüber eher skeptisch eingestellt.

Als meine Hormone mein Brustwachstum unweigerlich voran trieben und die Frage nach dem ersten BH sozusagen offensichtlich im Raum stand, hieß es:

Wozu dem Mädchen neue Unterwäsche kaufen? Geh nach oben an die Aussteuertruhe, Oma hat dir da ein Mieder rein gepackt.“

So sass ich also auf meiner ersten Engtanzparty.

Mit blauen Knien,nach Kuhstall stinkend und in der hintersten Ecke.

Es hatte sich nämlich heraus gestellt, dass Oma befürchtete, meine nach der Ferkelgeschichte immer voluminöser werdenden Körpermaße würden sich nach der Heirat noch um ein Vielfaches ausdehnen.

Dieses fleischfarbene Mieder war wie ein Schlafsack aus Haut.

Aber meine Mutter hatte mal wieder bewiesen, was Bauernschläue bedeutet und dem ganzen mit Nähnadel und Garn eine Form gegeben, die unter der neuen Bluse die Brüste hochhalten sollte.

Leider die Form einer Stopfgans.

Das,was sie sonst mit Nadel und Faden vernähte.

Im schummrigen Schein der Teelichter hoffte ich einfach, von niemandem bemerkt zu werden.

Der Plan scheiterte natürlich als es zum Flaschendrehen kam und Mädchen und Jungs in westfälischer Reihe abwechselnd im Kreis sitzen mußten.

Mir schwante langsam, nur aus diesem Grund eingeladen worden zu sein.

Und wirklich traf die Flasche mich und Guido Geppke. Und bescherte mir den ersten Engtanz meines Lebens.

Zu Runaway train. Von Soul Asylum.

In der langen Version.

Bewegten wir uns zu Anfang noch etwas linkisch, so fanden Guido und ich immer mehr einen Rhythmus und er unfassbarer Weise einen Weg, mich mit seinen kleinen Armen vollständig zu umfassen.

Zum Schluss legte ich sogar,etwas verschüchtert zwar aber merkbar meinen Kopf auf seine Schulter.

Beseelt ging ich heim und schlief in meinem Miederstopfganskostüm, weil niemand mehr wach war, um mir die Nähte aufzutrennen.

Als am nächsten Morgen ein Polaroidbild von mir und Guido am schwarzen Brett der Dorfkirche hing, bei dem er hinter meinem Rücken nicht nur eine versaute Geste machte, sondern der zu weit gewählte Ausschnitt meiner Tanzbluse auch noch vollen Einblick auf mein fleischfarbenes Gerüst der Brusthaltung gab, schwor ich mir, in die Stadt zu ziehen.

Und nie wieder zurück zu kommen.

Und das hab ich ja dann auch gemacht.

Liebeskummer lohnt sich wohl.

23 Jun

Ehrlich gesagt, hatte ich öfter als einmal Liebeskummer.

Noch ehrlicher gesagt, hatte ich öfter Liebeskummer als keinen Liebeskummer und das ist ganz ehrlich oft genug.

Manchmal habe ich gar keinen Grund Liebeskummer zu haben und dann denke ich mir einen aus.

Denn: Ich habe Liebeskummer gern.

Kein anderer Zustand erlaubt es dir den ganzen Tag zu heulen, ohne Unterbrechung.

Noch bevor du morgens aufstehst, drehst du nur deinen Kopf um träge aufs Handy zu schauen.

Nichts. Keine Nachricht. Kein Anruf.

Nichtmal der Akku beklagt sich, bald leer zu sein.

Auch er hat dich vergessen.

Du weinst.

Es ist noch ein leises, fast ersticktes Schluchzen, dass deiner Verlassenheit in dieser Welt Ausdruck verleiht.

Du stehst auf und schleppst dich in die Küche und da sitzt:

Niemand.

Dein Schluchzen steigert sich zu einem lauter werdenden Schniefen, unterbrochen von gelegentlich tiefem Ausatmen, Tränen kullern die Wangen entlang.

Erstmal Kaffee kochen. Aber schon der Griff zum Kaffeepadhalter für nur EINE Tasse erinnert dich schonungslos an die Einsamkeit und Leere in deinem Leben.

Das Aufheulen wird lauter,beim Abstützen am Küchentresen schaltest du aus Versehen das Radio an und während Sinnead „Nothing compares to you“ schmettert,kauerst du dich wimmernd vor der Spüle zusammen,hältst deine Knie und wiegst dich rhythmisch vor und zurück.

Schließlich hattest du diese SINGLE auch mal.

Der Weg zurück ins Bett scheint unvermeidbar.

Leidende gehören aus Tradition hierher und außerdem bist du realistisch genug um zu erkennen,dass du die Embryohaltung den Rest des Nachmittags bequemer auf der Matratze als dem harten Fliesenboden durchhalten wirst.

So sind die nächsten Stunden gerettet und der Klaviatur des Kummers sind keine Grenzen gesetzt.

Alles ist erlaubt.

Das lautlose Weinen,das monotone Wimmern mit Schnappatmung,das Kreischen und ins Kissen jammern,abgehackte Klagelaute oder krampfhaftes Heulen.

Profis können Tränen nur aus einem Auge rollen lassen und fragen sich,die Welt und die Nachbarn aufs Parkett trommelnd:

Warum? Warum?“

Nach all diesem Wälzen in eigener Rotze und Elend möchtest du der Gesellschaft nicht länger vorenthalten, was sie dir durch all ihre Ignoranz angetan hat.

Welthunger? Politischer Bestechungsskandal? Bürgerkrieg?

Wen interessiert das? Du leidest.

Und das wird nie wieder gut werden.Die Erde wird sich aufhören zu drehen,die Sonne nie wieder aufgehen,Lachen ist unmöglich,das Unheil auf deinen Schultern lässt dich nie mehr aufrecht gehen und alles Mitleid des Erdballs gebührt dir.

Natürlich gehen deine Freunde nicht ans Telefon, obwohl du zweimal klingeln lässt.

Auch der Pizzaservice zeigt sich wenig geduldig,neben deiner Bestellung noch die Tirade der Traurigkeit über sich ergehen zu lassen.

So bleibt dir nur die Dunkelheit und die Zeitansage.

Zu „Beim nächsten Ton ist es 18:43 Uhr“ sinkst du in Dämmerschlaf, gelähmt und erschöpft von den dramatischen Ereignissen.

Irgendwann klopft es leise an der Tür.

Hey?“ fragt dich dein Mitbewohner. „Hier, die drei Briefe waren in der Post,auf dem Anrufbeantworter ist deine Mutter und Nachrichten von zwei anderen Leuten,Kalle hat nach dir gefragt und ich wollte wissen, ob du mit zur Feier kommst?“

Lass mich!“ schreist du, wirfst ihm ein Kissen an den Kopf und drehst dich ruckartig auf die Seite.

Ich hab Liebeskummer!“

Während er leise die Tür schließt, lächelt ihr beide.

Wie alles begann und ich wurde, was ich bin.

3 Apr

Es war soweit.

Mein erster Tag im Krankenhaus.

Trotz meines jugendlichen Alters hatte ich mich entschieden, der Gesellschaft zu nutzen und in einem freiwilligen sozialen Jahr mindestens die Welt und auch ein Großteil meines Seelenheils zu retten.

Nicht, dass dies aufgrund meiner bereits erwähnten Jugend schon nötig gewesen wäre, aber ich wollte auf Nummer sicher gehen und meinen Platz im Himmel mit einem vorgewärmten Handtuch reservieren.

Von nun an würde ich also zu den Guten gehören. Zu denen, die gerne ins Krankenhaus gehen. Weil sie wissen, wo der Schlüssel zum Betäubungsmittelschrank ist.Und weil sie noch Arme haben um ihn zu benutzen.

Pünktlich um halb sechs stand ich hoch motiviert und gefühlt ausgeschlafen vorm Schwesternzimmer der Station 4,Kreiskrankenhaus,Abteilung Geriatrie.

Aufgeregt war ich nicht.

Ich war gut vorbereitet.

Die komplette Edition der Schwester Stefanie-Staffeln in der Goldsammlerbox mit Samteinschub und drei Jahre Emergency-Room Abhängigkeit sollte doch genügen um ausreichend auf den Krankenhausalltag vorbereitet zu sein.

Krankenschwestern sind friedlose, stets gut frisierte, geduldige Wesen, die vom Empfangstresen bis zum OP-Tisch alles perfekt im Griff haben, Kinder und Mitmenschen zu mehr Moral und Anstand erziehen und dies alles in strahlendem Weiß.

Ärzte sind gut aussehend, sexy, retten Leben mit links,während sie mit rechts der Schwester im Höschen fummeln.

Bevor ich anklopfte stellte ich mir also vor, wie ich gleich in einen Raum voll solcher Engel auf Erden treten und mit Freuden aufgenommen werden würde.

Wie sie da säßen in all ihrer Güte und reinlich gebügelten Kittelchen.

Ich setzte zum Klopfen an, um mich bemerkbar zu machen, da flog schon die Tür auf und mir fast vor die Stirn.

Nach hinten wankend versuchte ich durch wildes Hände rudern mein Gleichgewicht zu halten.

Ein stark behaarter Arm packte mich am Kragen und zog mich unmissverständlich auf die Beine und den Boden der Tatsachen zurück.

„Ey, immer schön nach vorne fallen, für Platzwunden am Hinterkopf haben wir hier keine Zeit!“

Noch kurz benebelt folgten meine Augen der tiefen sonoren Stimme von den weißen Gesundheitsschuhspitzen bis zum Schwabbelkinn und blieben auf dem Weg dorthin am quadratischen Namensschild hängen.

Schwester Ursel.

Ein Fels in der Brandung,drei Zentner menschgewordene Barmherzigkeit, ein ganzer Kerl dank Kölnisch Wasser.

Nachdem ich mich vorgestellt hatte, zerrte sie mich in einen kleinen dunklen Raum,maß meine Körperfülle abschätzig mit ein paar Blicken und reichte mir meine zukünftige Arbeitskleidung.

Hatte ich schon im kurzen weißen Kittel ohne Unterwäsche, leicht lasziv über den Visitenwagen gebeugt, die verlangenden Blicke des Stationsarztes auf mir gespürt,fand ich mich nun in einem blauen Kartoffelsack wieder.

Hose und Oberteil waren nur durch die Anzahl an Taschen zu unterscheiden. Ansonsten waren beide aus desinfizierbarer fester Baumwolle und im besten Falle von quadratischem Schnitt.

„Unisex.“ wie Berta nicht ohne ein zufriedenes Lächeln bemerkte.

Und erhältlich bis Gr.7, stellte ich mit zufriedenem Lächeln meinerseits fest.Vielleicht will man ja auch mal zelten.

Außerdem trug ich Gr.2. Platz nach oben. Immer gut.

Schon sollte es losgehen.

Leben retten, Menschen heilen, Heldin sein.

Dies war das Motto des Tages.

Berta zeigte auf Zimmer 3.

„Geh mal dahin. Schwester Trinh braucht sicher Hilfe.“

Behutsam klinkte ich die Tür zum Patientenzimmer auf.

In schummriges Licht getaucht erschien vor mir zunächst nur ein Bett,bedeckt mit einem Gewühl aus Kissen und Decken und sich mit der Liegefläche auf meiner Schulterhöhe befindend.

Erst bei genauerem Hinsehen,konnte ich im weißen Deckenwust ein menschliches Gesicht entdecken.

Eine alte Dame lag mit apathischem Ausdruck auf die Seite gedreht irgendwie teilnahmslos im Bett und schien mich nicht mal wirklich wahr zu nehmen.

„Hallo, ich bin die Neue und…“ konnte ich gerade so hervorbringen, da tauchte hinter der Patientin ein schwarzer Pagenschnitt auf. Dazugehörige Mandelaugen musterten mich eingehend.

„Ruhe, ich kann mich nicht konzentrat! Frau brauch Hilfe von alles, nix Stuhlgang, dritte Tag.“

Mit energischen Schritten trat Schwester Trinh hinter dem Deckenberg hervor. Ihre empor gehaltenen Hände, jeweils doppelt behandschuht ließen nichts Gutes ahnen.

„Muss ich digital ausräumen. Gib mir Creme.“

Während ich noch überlegte, was wohl hier das digitale bedeutete und was dann das analoge sei und WAS zum Teufel eigentlich ausgeräumt werden sollte, reichte ich Trinh wie in Trance den 2-Liter-Eimer Penatencreme.

„Jetzt nix bewegen, Frau, jaja, tut kurz unangenehm.“

Oh mein Gott.

Die Creme, die zwei Handschuhe, die Seitenlage.

„Nix Stuhlgang.“ hallte es dumpf in meinen Ohren.

Sie konnte doch nicht…Doch sie konnte.

Sie konnte und sie tat.

Der „Nix Stuhlgang“ von drei Tagen stapelte sich in Form kleiner brauner Murmeln auf der Einmalunterlage unter dem Po der guten Frau auf.

Schwester Trinh beförderte sie unter schamanischem Gemurmel und einem irren,verbissenen und gleichzeitig irgendwie glücklichen Gesichtsausdruck unaufhörlich dorthin.

(Später erfuhr ich, dass sie eigentlich Hebamme ist.)

Das Bild brannte sich wie Feuer in meine Netzhaut.

Und als Schwester Trinhs dunkler Schopf vollends hinter dem Berg aus Kotsteinen (so der Fachausdruck) verschwunden war,konnte ich nur denken:

„Herzlich Willkommen.Zum Jahr deines Lebens.“