Mein erstes Mal Metal.

16 Nov

Alles beginnt mit einem Anruf, einer übrig gebliebenen Konzertkarte und einer Stunde Zeit bis zum Treffpunkt.

Es ist irgendwie Heavymetal, es ist nicht meine Musik, nicht mal meine Freunde, nur ein entfernter Bekannter und ein Montagabend, der nicht auf dem Sofa verbracht werden möchte.

Ich bin mir unsicher, was ich anziehen soll und ob ich Spaß haben werde, fürchte um mein Gehör und verdränge die Bilder der letzten Wackenreportage.

Also schwarze Strümpfe, schwarzer Rock, dunkel wird es sicher sein und wenn es hart auf hart kommt bin ich damit gut getarnt und fast unsichtbar.

Bahn fahren, verlaufen, in die falsche Veranstaltung nebenan platzen. Ankommen verläuft nach Standard.

Hände schütteln, Namen sagen, reingehen, Bier kaufen.

Bisher hat mir niemand was getan.

Wir machen den alten Jacke-in-Jacke-Trick, um einen Euro für die Garderobe zu sparen, in dem Wissen, dass er eh nicht funktioniert, der Türsteher stempelt mich mit „gesehen“ ab, ich smalltalke und schaue mich um.

Wie erhofft ausreichend Männer mit langen Haaren und blutverschmierten Monstern auf dem Shirt.

Aber auch eine Menge gepflegter Kurzhaarschnitte, hochgekrempelte Bürohemden mit durch blitzenden Tattoos, Jungs die meine kleinen Brüder und Frauen die meine Mütter sein könnten.

Es ist ein interessantes Publikum.

Und ein nettes.

Alle stellen sich brav in den Raucherbereich, an der Bar wird sich fürs Drängeln entschuldigt, Leute lachen und umarmen sich zur Begrüßung.

Die Vorband schreit schon, trotzdem sind alle entspannt, man kommt schnell ins Gespräch. Kinder, Beruf, Urlaub.

Nichts von Blut trinken, Axt schwingen und Teufel beschwören.

Hätte ich also eh die falschen Themen gegoogelt, wenn dafür noch genügend Zeit gewesen wäre.

Vorband vorbei, noch eine rauchen, noch ein Bier.

Reingehen?“

Klar, ich freu mich schon ein halbes Jahr drauf!“ erwidere ich grinsend und die Jungs grinsen zurück und wir stoßen an.

Auf dem Weg treffe ich meinen Anwalt, auch wir stoßen an, begrüßen den glücklichen Zufall und erreichen den Saal.

In der Mitte eine rechteckige Tanzfläche, drumherum viele Stufen, wie eine Arena mit Rängen.

Es ist gerade voll genug, laut genug, heiß genug.

Wir schieben uns bis in die Mitte des Vierecks, da, wo gleich geschubst wird.

Der Mann hinter mir ist mindestens zwei Meter groß und da mir was an körperlicher Unversehrtheit liegt, schaue ich ein wenig ängstlich.

Er fragt lächelnd, ob wir Plätze tauschen wollen, ich nehme lächelnd an, winke meinen eigentlich Begleitern zu und stelle mich neben meinen Anwalt ans hintere Ende der Tanzfläche.

Das Licht wird dunkler, um uns herum wird es enger, die Menge skandiert den Bandnamen.

Als die auf die Bühne kommt, recken sich alle Arme zum Metalgruss nach oben.

Jetzt hat es doch etwas sektenhaftes.

Für einen kurzen Moment bin ich sicher, hier rein gelockt worden zu sein und bereite mich darauf vor, mein Leben als Opfer auf einem Altar aus rotem Samt zu beenden.

Blick rüber zum Anwalt.

Der wiegt mit dem Kopf im Takt und klatscht dazu.

Also auch mal klatschen probieren.

Hallo Hamburg! Scream!“

Und Hamburg screamt. Und um mich herum springen alle und stoßen sich aneinander ab, auf einander zu, miteinander um.

Taumeln, drehen, Haare schmeißen.

Es ist eine riesengroße Schulhofkeilerei.

Als jemand etwas vom Boden aufhebt, stellt sich sein Kumpel schützend vor ihn, ein anderer streckt einen Schuh in die Luft, auf der Suche nach seinem Besitzer.

Sie heben sich gegenseitig hoch, nehmen Anlauf und rammen sich in die Masse, bilden Spaliere, um dann aufeinander zu prallen.

Selten hab ich glücklichere Menschen gesehen.

Es wirkt wie ein gepflegtes Ausrasten. So, als achteten alle in diesem Menschenbrei irgendwie aufeinander.

Ich signalisiere durch das Betreten der ersten Stufe oberhalb des Hexenkessels, dass ich lieber nicht geschubst würde und werde dies den ganzen Abend auch kein einziges Mal.

Wenn Leute an mir vorbei wollen,fassen sie mich sanft am Ellenbogen,lassen mir Platz um ihnen Platz zu machen, sagen Danke.

Beim letzten Konzert einer angesagten Indieband kam ich nicht aufs Klo, ohne mir drei Haarbüschel ausreißen zu lassen.

Ich entspanne mich, konzentriere mich auf die Musik.

Man spürt den Bass in den Füßen, im Bauch, meine Haarspitzen vibrieren.

Es ist laut, es ist schnell, es tut gut.

Ich verstehe kein Wort.

Wenn es nach mir ginge, spielt die Band ein anderthalb Stunden langes Lied und der Mann am Mikro hat unglaubliche Schmerzen.

Aber das ist gerade egal.

Ich fühle wie der Boden unter mir bebt und dann, wie ich mich selber bewege.

An einer Stelle schüttle auch ich kurz meine Haare und blicke danach beschämt nach links und rechts.

Scheinbar nichts falsch gemacht.

Der Anwalt und ich tanzen und klatschen, johlen, wenn der Bandleader es verlangt, es wird heißer, lauter, besser.

Die ersten ziehen ihre Shirts aus, alle schwitzen, keiner kümmert sich darum, sie springen noch immer, recken die Arme nach oben und sind glücklich.

Und ich bin es irgendwie auch, in meinem Kopf ist endlich nichts mehr außer Bass, Gitarre und Schlagzeug, einmal ganz gedankenlos.

Neben mir tanzt ein Mädchen, ihr Freund kommt aus der Masse auf sie zu gerannt, schweißnass schüttelt er sich vor uns wie ein Hund nach dem Regenspaziergang.

Wir lachen beide und er lacht mit, ich kann den Schweiß fremder Leute nicht ekelig finden, nicht heute.

Zwischen zwei Liedern sehe ich meine nach oben gestreckten Hände.

Sie machen den Metalgruss.

Dann ist es vorbei, die Band lässt sich noch zweimal auf die Bühne brüllen, das Licht geht an, wir holen die Jacken.

Ich betrachte die vielen klatschverschwitzten Männer, die beseelt versuchen, ihre Kleidung aus zu wringen oder sich gleich neue am Merchandisingstand kaufen.

Morgen müssen alle arbeiten, nochmal Hände schütteln, bedanken, durch atmen, rauchen, verabschieden.

Der Anwalt und ich nehmen die Bahn zum Kiez, werten den Abend in Einzelheiten aus, schätzen die Abmischung gleich ein, rätseln, wer denn nun der Gitarrist war, reden und reden und wollen eigentlich gar nichts sagen.

Nur nachspüren.

Am Tresen stoßen wir mit Sekt an, wir haben uns zu feiern.

Die Barfrau schenkt uns Schnaps, lässt sich vom Abend erzählen, die Kneipe füllt sich mit anderen Konzertbesuchern, alle grinsen und trinken und sind immer noch glücklich.

Metal wird sicher nie meine Musik, aber die Menschen waren gestern abend meine.

Und falls mir jemand einen Platz im Zelt aufm Wacken anbietet, ich bin dabei.

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14 Antworten to “Mein erstes Mal Metal.”

  1. murkeleien November 16, 2010 um 10:58 am #

    soulfly?

  2. Micha November 16, 2010 um 11:02 am #

    Schöner Artikel. Ich steh zwar selbst schon so fast 30 Jahre auf Metal, aber auf Konzerten geht es mir doch immer wieder so wie Dir in einigen Punkten.

  3. Verena November 16, 2010 um 11:11 am #

    Toller Artikel. 🙂 ich höre zwar Metal, gehe aber so gut wie nie auf Konzerte. Zu voll, zu laut, zu weit weg, meistens mitten in der Woche. Aber Metaller (zu denen ich mich nicht zähle) sind nette Menschen. Das habe ich auch schon oft festgestellt. 🙂

    • Lakeshore November 16, 2010 um 11:38 am #

      Das mit dem Schuh hatte ich auch gerade wieder gestern beim Konzert gehabt. Und toll war’s 🙂

  4. Martin Schneyra November 16, 2010 um 1:10 pm #

    Ich höre ja nur manchmal Metal, aber ich musste feststellen: Noch selten habe ich eine so friedliche Menschenmenge erlebt wie auf den entsprechenden Konzerten. Da gibt’s kaum Stress – das wirkt alles sehr erwachsen. Schöner Artikel, du hast das besser beschrieben als ich mit meinen zwei Sätzen.

  5. Lars Reineke November 16, 2010 um 1:37 pm #

    Ja. Genau das ist es. Vielen Dank für diesen schönen Artikel.

  6. Chaoskatze November 16, 2010 um 1:52 pm #

    Jaha, wir Metaler sind immer lieb und handzahm 😀

    Was für eine Band wars denn?
    Und – Wacken vermutlich nicht, zu viele Idioten inzwischen und für mich zu weit weg, aber ich könnte Summerbreeze anbieten oder European Metal Festival.

    Und – für ne Entjungferung liefs doch ziemlich gut, hm? ;D

  7. caroons November 16, 2010 um 2:39 pm #

    Markthalle? Tjaja, das kann sich wohl niemand vorstellen, das es auf einem Metalkonzert so lauschig ist. Alle so höflich und überhaupt. In Wacken laufen zwar auch Spacken rum, aber da hast Du das Gleiche nochmal, nur in frischer Luft.

  8. smou November 16, 2010 um 6:02 pm #

    Großartig beschrieben!
    Erinnert mich besonders an einen Moment auf Wacken. Mitten in der Menge hatte ich auf einmal bemerkt das ich mein grad frisch gekauftes Armband verloren hatte und bückte mich sogleich um zu suchen. Sofort wurde ich angesprochen ob es mir gut geht, weil ich so auf dem Boden kniete; „Nein, nein, ich such nur mein Armband“… Kurze Zeit später hatte ich 4m Platz und habs dann auch tatsächlich gefunden =) Ich liebe die Menschen dieser Musikrichtung.

  9. markomannenstrasse November 16, 2010 um 7:46 pm #

    Hmm. Anscheinend sind wir die einzigen die sich fragen bei welcher Band Du wohl warst…

  10. AMUNO November 16, 2010 um 11:36 pm #

    Hehe,
    ein sehr schöner Bericht über die „bösen,bösen,bösen“ Musikhörer. Gerade die Rücksichtnahme ist immer wieder sehr angenehm im Gegensatz zu den meisten anderen Musikrichtungen.

    Gruß

    AMUNO

  11. berti November 17, 2010 um 6:35 pm #

    tja,
    war wohl schön spießig in der kölner philharmonie

    mein beileid

  12. Chaoskatze November 17, 2010 um 8:52 pm #

    Öhm, nur schnell nachgereicht, ich hab dich verlinkt, hoffe, das macht dir nichts aus?

  13. Milo der Surfer August 13, 2014 um 7:14 pm #

    Wundervoll der Artikel, wundervoll die Menschen dieser Musikrichtung. Ich kenne selbst einen wie der Anwalt. Unter der Woche Geschäfte, am Wochenende Musik. Richtige Musik, mit Instrumenten, von Menschen gespielt. Ich höre Punk, kann mit Metal Musik wenig anfangen. Mit den Anhängern würde ich jedoch gerne tauschen, Punker sind nicht immer so rücksichtsvoll auf gleich- und andersgesinnte, vor allem letztere. Nochmals, tolle Beschreibung.

    Milo der Surfer

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