Erleuchtet.

10 Okt

Lange war ich ein glücklicher Single.

Doch in letzter Zeit hätte ich immer öfter gern einen Ehemann.

Einfach weil ich glaube, dass ein Ehemann in vielen Situationen sehr nützlich sein könnte.

Zum Beispiel wenn ich gern etwas bewerfen würde.

Ich werfe nämlich sehr schlecht.

Genauer gesagt treffe ich bei acht von zehn Versuchen etwas weg zu schleudern mich selbst.

Das sieht blöd aus und tut weh.

Mein Ehemann könnte sicher viel besser und weiter werfen.

Außerdem würde mir eine Ehe ganz neue Einkaufserlebnisse bescheren. Es müßten nicht immer nur Taschen und Schuhe sein, sondern ich könnte ihm aus dem Baumarkt einfach so ein paar Schrauben mitbringen,damit er sich was Schönes spaxen kann.

Ich hätte jemanden, den ich nachts wecken und dann grundlos anbrüllen könnte, weil ich nicht mehr einschlafen kann.

Und niemand würde mehr versuchen,mir mein schlechte Laune auszureden. Schließlich ist die Ehe als Begründung für miese Stimmung vollständig gesellschaftlich akzeptiert.

Alles gute Gründe, sich einen zum heiraten zu suchen.

Alles gute Gründe.

Leider fiel mir keiner davon mehr ein, als ich mit schweißnassen Händen und astronomischen Blutdruck im Café saß und auf mein Blind-Date wartete.

Auf diese Idee war ich mit einer Freundin und zwei Flaschen Wein an einem Donnerstagabend gekommen.

Wein ist übrigens noch ein guter Grund für einen Ehemann.Ich könnte dann auch mal welchen trinken, der keinen Schraubverschluss hat.

Erik hieß der Unbekannte, der mich zum Kaffee einladen und dann ewig glücklich machen sollte.

Erik hatte sich wie ich in einer dieser Internetsinglebörsen angemeldet, war solvent, berufstätig, Anfang 30, mochte ausgedehnte Strandspaziergänge, Antipasti und Sonntagnachmittage im Museum.

Da ich vorhatte, mich in meiner Ehe auf jeden Fall zu langweilen, schien er der perfekte Kandidat.

Nach einem kurzen Nachrichtenaustausch war der Treffpunkt schnell ausgemacht.

Fotos tauschten wir nicht, Erik fand es so prickelnder.

Prickeln war allerdings ganz genau das, was ich nicht verspürte, als Erik das Lokal betrat.

Eigentlich betrat er es nicht, Erik schwebte.

Eine Mischung aus Thomas Gottschalk und Reinhold Messner mit schulterlangem wallenden Engelshaar, von Kopf bis Fuss in fließendes beiges Leinen gehüllt. Barfuss.

Diese Erscheinung brachte mich kurzfristig zum totalen Erstummen und die Kellnerin dazu, mir wortlos ein Bier hinzustellen.

Ich klammerte mich hilflos daran, denn meine Hoffnungen auf eine baldige Vermählung hatte ich bereits losgelassen.

Der Erik fand „es ganz toll, dass wir das so spontan gemacht“ hätten, denn „Stillstand, ja, Stillstand ist der Tod“ und „ey,das könnte man ja auch schon in der Pflanzenwelt sehen“, sowieso „sollten wir alle viel mehr mit unseren Schwestern Flora und Fauna in Einklang kommen,“ und er „der Erik, würde sich seine Wohnung jetzt probehalber mit ner Schleimpilzkolonie teilen.“, die „würden halt nicht abwaschen, seien aber ansonsten sehr intelligent.“

Mir fiel nicht mehr ein als „Hmm.“ zu sagen und der Bedienung zu bedeuten, man solle mir mit dem nächsten Bier gleich nen Schnaps bringen.Oder besser zwei.

Erik trank Matetee.

Weil „Alkohol so, ne, der behindert voll deinen Energiefluss, ey“ und außerdem „vergiftest du dich selber und das ist ja auch ein Zeichen,das du dein inneres Kind nicht lieben kannst und man muss ganz dringend mit seinem inneren Kind mal aufn Spielplatz und schaukeln, für die Balance und so.“

Naja, jeder wie er mag.“ versuchte ich die Stimmung zumindest versöhnlich zu gestalten.

Esoterik-Erik reichte das für einen weiteren halbstündigen Monolog, „ne, du,auf jeden Fall, jeder muss seine eigenen Vibes haben und da mit sich selber im Rhythmus trommeln.“

Was hieß, ich konnte weiter saufen, er weiter reden. Für den

Moment schien uns das beiden zu reichen.

Und der Erik hatte immerhin auch schon eine Menge gemacht.

Er hatte Energiesteine in Indien gesammelt, war den spirituellen Weg der Erleuchtung rückwärts gelaufen, dreifacher Reikimeister, konnte Räucherstäbchen am Geschmack erkennen und hatte sich in einem Körper-Geist-Seele Seminar mit seiner eigenen Homosexualität konfrontiert und sie besiegt.

Außerdem fiel mir jetzt, nach sechs Bieren und drei Jägermeistern zusätzlich auf, dass er mit seinen langen blonden Haaren wie der junge Angelo Kelly aussah.

Dieser hatte lange meine Teenagerphantasie beflügelt und als Poster über meinem Bett gehangen.

Und Esoterik-Erik sprach genau wie Angelo sang, so beruhigend und warm und voller Liebe.

Das letzte an was ich mich erinnere, ist meine Zustimmung zu einer Privatstunde in tantrischer Erlebnispädagogik.

Da sind einzelne Bilder von Eriks Hand auf meinem Rücken, Tarotkarten und Gebetsfahnen, einer schwungvoll zu Seite gestoßenen Klangschale und ich meine mich dran zu erinnern, in Tofu gewälzt worden zu sein.

Dann wird alles dunkel.

Am nächsten Morgen wache ich mit einem Yogamattenabdruck am Hintern und einem stattlichen Kater auf.

Neben mir liegt ein Zettel:

Bin weg. Mich selber suchen. Erik.“

Und ich fühle mich erleuchtet.

Heiraten lieber erstmal nicht.

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9 Antworten to “Erleuchtet.”

  1. sushey Oktober 10, 2010 um 9:48 am #

    Großartig geschrieben!
    Ich hab schallend gelacht – und stelle mir Erik so vor, wie den Typen aus der Zalando-Werbung: http://www.youtube.com/watch?v=AI2y4GikP20

    • ngungon Oktober 10, 2010 um 10:38 am #

      Ich grübele ja gerade, was mir besser gefällt: Deine mündlichen Ausführungen, gepaart mit der Poesie deiner Stimme und der sprühenden Spontaneität, oder deine Blog-Texte, gepaart aus der Poesie des Sprachwitzes und der sprühenden Kreativität.

      Hab mich jedenfalls sehr amüsiert. Internet-Dates sind was lustiges. Da hab ich auch schon so ein paar Kracher erlebt.

  2. CH64 Oktober 10, 2010 um 11:04 am #

    Schöner Text, aber wieso ist der Hippie solvent? Hat er reiche Eltern?

    • Norton Oktober 10, 2010 um 2:41 pm #

      Warum solvent? As Tantralehre kann man durchaus Schotter machen.

  3. SAZone Oktober 10, 2010 um 3:58 pm #

    Herzlichen Dank für 10 Min. großartige Unterhaltung…!!

    Gruß nach HH.

  4. vergraemer Oktober 10, 2010 um 4:52 pm #

    Machen Sie sich mal keine falschen Vorstellungen vom Eheleben. Auch ich habe gehofft, mein Leben wird nach der Heirat angenehm langweilig und unerfreulich. Stattdessen jagt eine schöne Erfahrung die nächste. Fragen Sie gerne auch meine Frau. Aber erst, nachdem Sie meine Hornhaut geraspelt hat.

  5. Sabrina Oktober 13, 2010 um 7:29 am #

    Just herrlich:) Wär man nicht auf der Suche, könnte man, nach dem Verdauen des ersten Schocks, ja schon fast erfreut sein, über so ein kostengünstiges Seminar in Sachen Menschenkunde:D

  6. katerwolf Oktober 13, 2010 um 4:30 pm #

    *grööööööl* ich lach mich hier weg. „in tofu gewälzt“ *brüllllll* du bist echt ne marke!

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  1. die ennomane » Blog Archive » Links der Woche - Oktober 17, 2010

    […] Erleuchtet – Lucky Hundertmarks Erlebnisse mit Esoterik-Erik […]

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