St. Pauli – eine Liebeserklärung

27 Mai


Es war ein klarer Frühlingstag, um mich herum schrien tausend Leute wie aus einer Kehle und in meiner Hand hielt ich einen Plastikbecher mit Bier.

An diesem Tag begann meine Liebe zu St. Pauli.

Das Millerntorstadion, in dem ich stand und zum ersten Mal die Boys in braun zu den Höllenglocken auf den heiligen Rasen einlaufen sah, war nur der Anfang.

Mein St. Pauli, das ist nicht nur die Reeperbahn, eben Udos geile Meile, 900m lang und wenn die Sonne untergeht, voller Lichter.

Auf der die einen Mädchen in der Schlange vorm Geldautomaten, die andern aufgereiht vor Burger King stehen, um ihrerseits Geld zu verdienen.

Es ist nicht nur der Hans-Albers-Platz, auf dem im Sommer mehr Glas zu Bruch geht, als an jedem Polterabend im Landgasthaus Castrop-Rauxel.

Es sind nicht nur die Sex-Shops, die mit ihren Auslagen tausende Klassenreisende zum Kichern und doppelt so alte Kegelausflügler zum Erröten bringen.

Für mich ist St.Pauli der einzige Ort der Welt, der mich atmen lässt.

An dem sich meine Lunge bis zum Zwerchfell mit Glücklichkeit füllt,sie gerade so lange festhält bis der schönste Teil ins Blut über getreten ist, um sie dann mit einem sehnsüchtigem Seufzer ins Viertel zurück zu geben.

Auf St. Pauli kannst du sein, was du willst.

Ein Gang von der U-Bahn Haltestelle am Heiligengeistfeld bis zur Endo-Klinik am anderen Ende der Straße reicht, um alle Facetten des menschlichen Elends, Glücks, Scheiterns und Siegens gesehen zu haben.

Sie steigen mit mir aus der Bahn, die Jungs Anfang zwanzig, mit ihren Gitarren locker über der Schulter, auf dem Weg zum ersten Gig im kleinen Underground-Club.

Vermutlich kennen sie den Besitzer und nun auch das Gefühl, den besten Abend ihres Lebens vor sich zu haben.

Ein paar Meter weiter werden sie sehnsüchtig von ebenso blutjungen Indiemädchen angeschmachtet.

Alle ganz individuell gleich in Röhrenjeans und Nerdbrillen gekleidet.

Auf dem Spielbudenplatz tobt das Leben.

Olivia Jones zeigt einer Gruppe Mitte fünfzig die Kondomerie, den kleinsten Sex-Shop der Welt.

Als Gegenleistung lachen diese über ihre schlüpfrigen Witze und sind einen Abend tolerant und weltoffen gegenüber Homosexuellen.

Vor allem gegenüber zwei Meter großen, die auch noch Stöckelschuhe tragen.

An der Ecke vor der Davidswache streitet sich ein ziemlich heruntergekommenes Pärchen über die Wodkaverteilung in ihren Plastikbechern.

Das sie die Hosen an und nachher den meisten Wodka im Gesicht hat, entgeht den Touristen mit Brustbeutel und Kamera am Handgelenkband.

Die wollen nur schnell ein Foto von den herbei eilenden Polizisten machen.

Vielleicht erkennt man einen auf Pro Sieben wieder.

Vor jedem zwielichtigen Eingang, in dem am frühen Nachmittag noch Menschen ohne Obdacht wohnen, stehen jetzt die Koberer.

Allen voran die Frau mit dem goldenen Hut.

Ihre Mädchen sind die schönsten, ihre Läden die besten, ihre Shows die geilsten.

Nur das ihr Warsteiner 6 Euro kostet, das verschweigen sie.

Auf der linken Straßenseite plötzlich ruhigere Töne.

Die Heilsarmee ist ausgerückt.

Bepackt mit Mann und Maus und roten Westen tragen sie unbeirrt ihr Kreuz durch die vergnügungssüchtige Menge.

Ein Ghettoblaster verkündet die Ankunft des Herrn und schaut man in die ernsten Mienen der jungen Freiwilligen, so will man gerne glauben, dass er kein gutes Haar an diesem Sündenpfuhl lassen wird.

Und das darf auf nicht mal einem Kilometer alles nebeneinander sein.

Aber mein St. Pauli ist nicht nur das offensichtliche der Wochenenden und Betrunkenen.

Mein St.Pauli ist das Café, in dem Hans mindestens 10 Minuten für meine Ovomaltine braucht und belgische Waffeln immer ausverkauft sind.

Der Laden im Keller, in dem die Wandersmänner Geschichten erzählen und die Wirtin immer am meisten Drogen genommen hat.

Es ist das Kribbeln, was das Viertel vor einem Heimspiel des Clubs erfasst.

Und die Ruhe der Straßenfeger am Sonntagmorgen nach dem Sturm.

Als ich St.Pauli zum ersten Mal sah, hab ich die Arme ausgebreitet um es zu umarmen.

Nicht eine Sekunde hat es gezögert, zurück zu umarmen.

Come as you are!“ scheint es zu rufen, mach dir keine Gedanken und immer was du willst.

Hier hab ich gelacht und getanzt und geweint.

Mich verliebt und entliebt und wieder verliebt.

Morgens um fünf über Aufstellungen diskutiert und fast mal auf die Tanzfläche gekotzt.

St.Pauli hat mir keines dieser Dinge je vorgehalten.

Denn dort ist keiner besser.

Aber jeder, wie er mag.

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9 Antworten to “St. Pauli – eine Liebeserklärung”

  1. r0b0tm0nk3y Mai 27, 2010 um 9:58 pm #

    wundervoll =)

  2. Herzmaedchen ♥ Mai 27, 2010 um 10:17 pm #

    Wundervoll. ♥

    Wenn ich das nächste Mal wieder in Hamburg bin, nehm ich für für St. Pauli diesmal mehr Zeit und gehe dort bei Tageslicht hin.

    Toll geschrieben…als ob man selber diese Stadt lieben würde…so fühlt es sich an, wenn man deine Zeilen liest.

  3. Ole Mai 27, 2010 um 10:17 pm #

    Nicht, dass ich nicht eh schon vor Sehnsucht vergehe 😦

  4. schlenzalot Mai 27, 2010 um 10:51 pm #

    Ich hätte jetzt fast was geschrieben über damals, als ich noch in Hamburg gelebt habe. Über die ersten Abende „aufm Kiez“, über letzte S-Bahnen, über Mütter, die sagen „Pass auf die Rocker auf“ und über Kneipen, die schon 1988 aussahen, als kämen sie aus einer anderen Zeit.
    Aber das würde nicht passen, denn dieser Ort nimmt jeden so auf, wie er ist und jeder Mensch hat seinen eigenen Zugang, Eintritt und Fleck im Herzen.
    Daher freue ich mich einfach, dass es Ihnen auch widerfahren ist.
    Prost,
    ich

  5. herr_wanninger Mai 28, 2010 um 6:36 am #

    fast noch schöner als das wirkliche hamburg. also ,den text mein ich.

  6. Phil [Turnhallengeruch] Mai 28, 2010 um 8:03 am #

    Und dieses Jahr kann ich endlich mal zum Auswärtsspiel kommen. Das wird toll. Und wegen der späten Spielansetzungen „muss“ man ja direkt ein ganzes Wochenende buchen. Endlich zahlt sich das mal aus…

  7. Nils Mai 29, 2010 um 12:48 pm #

    🙂 wie wahr, wie wahr.

  8. Forsch Juni 1, 2010 um 10:36 am #

    Wenn es schon einen Blog hinter einem Twitteraccount gibt und man *das hier* findet, dann weiß man, dass man richtig ist.

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  1. The very first BarCamp Kiel – Web2.0-Ersti-Wochenende an der “Silicon Förde” | NEWS HQ - August 18, 2010

    […] wie Propinjas schonungslos witzige Beschreibung PMS-bedingter Gefühlswallungen und ihre versonnene Liebeserklärung an St.Pauli vermochten zu […]

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