Meine Weihnachtsgeschichte

7 Dez

Es ist sieben Uhr morgens.

Mir ist kalt,ich bin müde,ich will heim,ich bin genervt.

Und wenn ich mich in der Bahn so umschaue,bin ich nicht allein mit diesen Befindlichkeiten.

Da geht die Tür auf und der Weihnachtsmann kommt herein.

Die Haare sind weiß und lang, genauso echt wie der Bart von ebenso gleicher Länge und Farbe.

Sein Mantel in angebrachtem Rot gibt zwanzig Zentimieter über dem Boden den Blick auf ein paar Schuhe frei, die verraten das ihm entgegen aller Erwartungen die meisten Wünsche im Leben nicht erfüllt wurden.

Begleitet von einem Mann mit Gitarre statt Rute singt er ein Weihnachtslied und sammelt danach klingelnd Kleingeld in einem Pappbecher.

Ich stehe am Ende des Wagens und nehme die Kopfhörer aus den Ohren und das Silbergeld aus der Tasche.

Über den letzten Vierersitz lächelt er mich an und kommt herüber.

„Na,was wünscht du dir denn zu Weihnachten?“

„Dass Pauli nicht absteigt.“ erwidere ich und muss zu meinem Entsetzen grinsen.

Er tippt mit seinem Zeigefinger auf den Button an meinem Jackenkragen und dann salutierend an seine Stirn.

Im Weggehen dreht er sich um und sagt:

„Der Wunsch wird Erfüllung gehen.Versprochen“

Dann gleiten er und sein Begleiter hinaus aus der Tür und in Hamburgs kalten Morgen.

Und ich schaue ihnen aus dem Fenster hinterher und muss schmunzeln.

Letztes Jahr hatten wir die gleiche Szene.

Damals hab ich mir nur Liebe gewünscht.

Und auf die warte ich heute noch.

Was suchst du?

22 Nov

Hier ein kurzer Überblick über die Suchbegriffe letzter Woche, die Leute auf

meinen Blog geführt haben.

Großartig und ohne Kommentar.

 

 

 

 

 

1. lucky hundertmark

2. erstes metal konzert

3. turnhallentrauma
4. luckyhundertmark
5. knaben nackt turnhalle
6. wie bereite ich mein erstes mal vor
7. nackt turnhalle
8. musik fürs erste mal metal
9. 25 jahre zusammen und jetzt leide ich
10. wie ich wurde was ich bin
11. schulsport traumatisiert
12. demütigung in jungen umkleide
13. metal kunst
14. betrunken entledigt sich meine frau all ihrer kleidung
15. „digital ausräumen“
16. propinja
17. pupertierendes mädchen schreit bei jeder kleinigkeit was tun
18. wir müssen alle metal machen schwarz hoch 10

(Meine persönlichen Favoriten sind 8 und 17.)

Mein erstes Mal Metal.

16 Nov

Alles beginnt mit einem Anruf, einer übrig gebliebenen Konzertkarte und einer Stunde Zeit bis zum Treffpunkt.

Es ist irgendwie Heavymetal, es ist nicht meine Musik, nicht mal meine Freunde, nur ein entfernter Bekannter und ein Montagabend, der nicht auf dem Sofa verbracht werden möchte.

Ich bin mir unsicher, was ich anziehen soll und ob ich Spaß haben werde, fürchte um mein Gehör und verdränge die Bilder der letzten Wackenreportage.

Also schwarze Strümpfe, schwarzer Rock, dunkel wird es sicher sein und wenn es hart auf hart kommt bin ich damit gut getarnt und fast unsichtbar.

Bahn fahren, verlaufen, in die falsche Veranstaltung nebenan platzen. Ankommen verläuft nach Standard.

Hände schütteln, Namen sagen, reingehen, Bier kaufen.

Bisher hat mir niemand was getan.

Wir machen den alten Jacke-in-Jacke-Trick, um einen Euro für die Garderobe zu sparen, in dem Wissen, dass er eh nicht funktioniert, der Türsteher stempelt mich mit „gesehen“ ab, ich smalltalke und schaue mich um.

Wie erhofft ausreichend Männer mit langen Haaren und blutverschmierten Monstern auf dem Shirt.

Aber auch eine Menge gepflegter Kurzhaarschnitte, hochgekrempelte Bürohemden mit durch blitzenden Tattoos, Jungs die meine kleinen Brüder und Frauen die meine Mütter sein könnten.

Es ist ein interessantes Publikum.

Und ein nettes.

Alle stellen sich brav in den Raucherbereich, an der Bar wird sich fürs Drängeln entschuldigt, Leute lachen und umarmen sich zur Begrüßung.

Die Vorband schreit schon, trotzdem sind alle entspannt, man kommt schnell ins Gespräch. Kinder, Beruf, Urlaub.

Nichts von Blut trinken, Axt schwingen und Teufel beschwören.

Hätte ich also eh die falschen Themen gegoogelt, wenn dafür noch genügend Zeit gewesen wäre.

Vorband vorbei, noch eine rauchen, noch ein Bier.

Reingehen?“

Klar, ich freu mich schon ein halbes Jahr drauf!“ erwidere ich grinsend und die Jungs grinsen zurück und wir stoßen an.

Auf dem Weg treffe ich meinen Anwalt, auch wir stoßen an, begrüßen den glücklichen Zufall und erreichen den Saal.

In der Mitte eine rechteckige Tanzfläche, drumherum viele Stufen, wie eine Arena mit Rängen.

Es ist gerade voll genug, laut genug, heiß genug.

Wir schieben uns bis in die Mitte des Vierecks, da, wo gleich geschubst wird.

Der Mann hinter mir ist mindestens zwei Meter groß und da mir was an körperlicher Unversehrtheit liegt, schaue ich ein wenig ängstlich.

Er fragt lächelnd, ob wir Plätze tauschen wollen, ich nehme lächelnd an, winke meinen eigentlich Begleitern zu und stelle mich neben meinen Anwalt ans hintere Ende der Tanzfläche.

Das Licht wird dunkler, um uns herum wird es enger, die Menge skandiert den Bandnamen.

Als die auf die Bühne kommt, recken sich alle Arme zum Metalgruss nach oben.

Jetzt hat es doch etwas sektenhaftes.

Für einen kurzen Moment bin ich sicher, hier rein gelockt worden zu sein und bereite mich darauf vor, mein Leben als Opfer auf einem Altar aus rotem Samt zu beenden.

Blick rüber zum Anwalt.

Der wiegt mit dem Kopf im Takt und klatscht dazu.

Also auch mal klatschen probieren.

Hallo Hamburg! Scream!“

Und Hamburg screamt. Und um mich herum springen alle und stoßen sich aneinander ab, auf einander zu, miteinander um.

Taumeln, drehen, Haare schmeißen.

Es ist eine riesengroße Schulhofkeilerei.

Als jemand etwas vom Boden aufhebt, stellt sich sein Kumpel schützend vor ihn, ein anderer streckt einen Schuh in die Luft, auf der Suche nach seinem Besitzer.

Sie heben sich gegenseitig hoch, nehmen Anlauf und rammen sich in die Masse, bilden Spaliere, um dann aufeinander zu prallen.

Selten hab ich glücklichere Menschen gesehen.

Es wirkt wie ein gepflegtes Ausrasten. So, als achteten alle in diesem Menschenbrei irgendwie aufeinander.

Ich signalisiere durch das Betreten der ersten Stufe oberhalb des Hexenkessels, dass ich lieber nicht geschubst würde und werde dies den ganzen Abend auch kein einziges Mal.

Wenn Leute an mir vorbei wollen,fassen sie mich sanft am Ellenbogen,lassen mir Platz um ihnen Platz zu machen, sagen Danke.

Beim letzten Konzert einer angesagten Indieband kam ich nicht aufs Klo, ohne mir drei Haarbüschel ausreißen zu lassen.

Ich entspanne mich, konzentriere mich auf die Musik.

Man spürt den Bass in den Füßen, im Bauch, meine Haarspitzen vibrieren.

Es ist laut, es ist schnell, es tut gut.

Ich verstehe kein Wort.

Wenn es nach mir ginge, spielt die Band ein anderthalb Stunden langes Lied und der Mann am Mikro hat unglaubliche Schmerzen.

Aber das ist gerade egal.

Ich fühle wie der Boden unter mir bebt und dann, wie ich mich selber bewege.

An einer Stelle schüttle auch ich kurz meine Haare und blicke danach beschämt nach links und rechts.

Scheinbar nichts falsch gemacht.

Der Anwalt und ich tanzen und klatschen, johlen, wenn der Bandleader es verlangt, es wird heißer, lauter, besser.

Die ersten ziehen ihre Shirts aus, alle schwitzen, keiner kümmert sich darum, sie springen noch immer, recken die Arme nach oben und sind glücklich.

Und ich bin es irgendwie auch, in meinem Kopf ist endlich nichts mehr außer Bass, Gitarre und Schlagzeug, einmal ganz gedankenlos.

Neben mir tanzt ein Mädchen, ihr Freund kommt aus der Masse auf sie zu gerannt, schweißnass schüttelt er sich vor uns wie ein Hund nach dem Regenspaziergang.

Wir lachen beide und er lacht mit, ich kann den Schweiß fremder Leute nicht ekelig finden, nicht heute.

Zwischen zwei Liedern sehe ich meine nach oben gestreckten Hände.

Sie machen den Metalgruss.

Dann ist es vorbei, die Band lässt sich noch zweimal auf die Bühne brüllen, das Licht geht an, wir holen die Jacken.

Ich betrachte die vielen klatschverschwitzten Männer, die beseelt versuchen, ihre Kleidung aus zu wringen oder sich gleich neue am Merchandisingstand kaufen.

Morgen müssen alle arbeiten, nochmal Hände schütteln, bedanken, durch atmen, rauchen, verabschieden.

Der Anwalt und ich nehmen die Bahn zum Kiez, werten den Abend in Einzelheiten aus, schätzen die Abmischung gleich ein, rätseln, wer denn nun der Gitarrist war, reden und reden und wollen eigentlich gar nichts sagen.

Nur nachspüren.

Am Tresen stoßen wir mit Sekt an, wir haben uns zu feiern.

Die Barfrau schenkt uns Schnaps, lässt sich vom Abend erzählen, die Kneipe füllt sich mit anderen Konzertbesuchern, alle grinsen und trinken und sind immer noch glücklich.

Metal wird sicher nie meine Musik, aber die Menschen waren gestern abend meine.

Und falls mir jemand einen Platz im Zelt aufm Wacken anbietet, ich bin dabei.

Turnhallentrauma.

14 Nov

Wie bereits mehrfach erwähnt, war ich ein dickes Kind.

 

Mit Puddingärmchen und Puddingbeinchen, die bei einem Säugling Passanten noch nach Kindchenschema zum Verzücken bringen, bei einer Achtjährigen aber eher die Frage der Verwahrlosung in den Raum stellen.

 

Ein einziges Mal spielte ich in meiner Schulzeit die Hauptrolle in einem Theaterstück.

Dem Märchen vom dicken, fetten Pfannekuchen.

 

Gleichzeitig besaßen wir wenig Geld und meine Mutter schnitt uns aus Sparmaßnahmen den Pony selbst. Grade und kurz über den Augenbrauen endend.

 

Dieser Frisurenwahnsinn, der uns Kinder der frühen 80er gepaart mit Radlerhosen und einem furchtbaren Musikgeschmack das Leben sowieso schon schwer machte, war aber nicht mein größtes Problem.

 

Sondern das, was alle dicken Kinder zutiefst traumatisiert und Scharen von Therapeuten Jahre später Brot und Miete sichert:

 

Der Sportunterricht.

 

Es fing schon beim Umziehen an.

Das Problem daran war, kurzzeitig nackt zu sein.

 

Pubertierende Mädchen sind nicht gerade Verfechter von Solidarität, Anstand und Moral.

Es sind wilde Raubtiere,jederzeit bereit durch einen abschätzigen Kommentar eindeutig klar zu machen, wer an der Spitze der Hackordnung steht.

 

Es ist subtiler als unter Jungen.

Es sind keine Schläge, es sind Emotionen.

 

Ein Blick der Klassenschönheit auf dein gräulich ausgeleiertes Sportbustier und für die nächsten Wochen stehst du als Spottobjekt der 7d unumstößlich fest.

 

Mit der Zeit kannte ich alle Tricks.

 

Das Sportshirt schon in der großen Pause auf dem Schulklo drunter ziehen.

Entweder sehr schnell oder sehr langsam sein, um die Umkleide für sich allein zu haben.

Den schwer einsehbaren und strategisch gut gewählten Platz direkt hinter Tür.

 

Zusätzlich zog ich stets zwei Unterhosen übereinander, um den straffenden Effekt eines Stützstrumpfes zu imitieren.

 

Hätte ich soviel Ehrgeiz in meine gesamte Schulkarriere investiert, wie in die Planung mich meinen Mitschülerinnen auf keinen Fall nackt zu präsentieren, wer weiß, was aus mir hätte werden können.

Ärztin, Astronautin, Professorin.

 

So hingegen kann ich mich einfach wahnsinnig schnell an- und wieder ausziehen.

 

Jeder Versuch meinen Lebenspartner durch langsames Abstreifen meiner Kleidung zu körperlichen Höchstgelüsten anzustacheln, scheitert.

Wobei nicht das größte Problem ist, dass ich in fünf Sekunden nackt bin, sondern eher, das ich sofort nach Entledigen meiner Sachen in der Hälfte der Zeit die Hosen wieder an hab.

Er muss also den Raum verlassen, wenn ich die Kleidung ablege und den richtigen Moment abpassen, in dem ich gerade unter die Decke geschlüpft bin, um meine Klamotten dann so zu positionieren, dass ich sie auf keinen Fall erreiche, bis er mich auf andere Gedanken als Wiederbekleidung gebracht hat.

 

Erotik geht anders.

 

Aber die Umkleide war nur der Auftakt.

Das wirkliche Drama spielt sich in der Turnhalle ab.

 

Warmlaufen.

 

Ein so nettes Wort für eine so hässliche Sache.

Ich musste sicher zwanzig Kilo zu viel mit mir herumschleppen, nach drei Runden im Kreis war mir nicht warm, sondern ich war beatmungspflichtig.

 

Alles, was ich wollte war, dass es aufhört.

Das ich mich hinlegen und sterben kann.

 

Alles, was mein Sportlehrer wollte war, dass ich Liegestützen machte.

 

Diese Forderung unterstrich er mit einer Trillerpfeife und meinem mehrfach laut gebrüllten Namen.

Bis auch jeder Depp in der Mehrzweckhalle verstand, dass die Dicke es nicht kann.

 

Mit Tränen in den kleinen Rosinenaugen rückte die nächste Stufe der Demütigung unaufhörlich näher.

 

Zirkeltraining.

 

Sprossenwand, Hängeseil, Medizinbälle.

Nie hab ich diesen Namen verstanden, denn Medizin sollte gut für Menschen sein, sollte sie heilen und ihnen Schmerzen nehmen, keine zufügen.

 

Ich konnte weder klettern, noch laufen, noch werfen.

Seit der fünften Klasse hatten meine Sportnoten mir das bestätigt, meine Lehrer mir das eingetrichtert, das spöttische Lachen meiner Mitschüler das deutlich gemacht.

 

Geräteturnen.

 

Keine Ahnung, wer sich mehr quälte. Ich, bis ich meine dicken Ärmchen endlich das Reck hoch gestemmt hatte, oder mein Lehrer bei der Hilfestellung zum Feldaufschwung.

Wir stöhnten beide und gaben uns die nächsten Jahre im stillen Einverständnis damit zufrieden, dass ich diese Übungen verweigerte und eine Sechs kassierte.

 

Durch meine Noten in allen Fächern ohne Bewegung konnte mir das egal sein.

 

Und da ich immer meine Hausaufgaben teilte, wurde ich als Gegenzug als höchstens Vor-vorletzte in die Brennballmannschaft gewählt und entging zumindest dem weit verbreiteten Letzte-auf-Bank-Trauma.

 

Alljährlicher Höhepunkt schulischer Grausamkeit gegen Menschen mit sportlichen Defiziten waren eindeutig die Bundesjugendspiele.

Vorgeführter wurden nur früher nur Frauen mit Bärten auf Jahrmärkten.

 

Laufen, Springen, Werfen.

 

Der furchtbare Dreiklang organisierter Brutalität im Namen der körperlichen Ertüchtigung.

 

Nicht nur, dass alle zusahen, wie ich nach Herzenskräften bemüht den Gummiball von mir weg schleuderte.

Als Krönung wurde das Ergebnis auch noch lautstark nach jedem der drei Versuche verkündet.

 

Hundertmark, 20cm! Korrigiere, -20cm. Der Ball landete hinter Teilnehmerin.“

 

Beim Springen ins Sandbecken wunderte sich niemand mehr über die drei ungültigen Versuche hinter meinem Namen, nach dem Anlauf war ich längst viel zu sehr aus der Puste, als noch irgendein Körperteil vom Boden zu heben.

 

Der 50m-Lauf machte meinen Untergang perfekt, als der Lehrer schon die nächste Gruppe starten ließ, während ich mich noch in der Mitte der Bahn befand. Es würde ihm sonst zu lange dauern und ja auch irgendwann dunkel werden.

Natürlich überschritt ich die Ziellinie trotzdem als Letzte.

 

Und dann Siegerehrung.

Alle liefen ihren Eltern fröhlich mit Ehrenurkunden und Auszeichnungen entgegen,nur aus meiner linken Faust tropfte Blut.

Fast so tief wie der Vormittag voller Niederlagen in mein Herz, hatte sich der Pin für einfach nur Teilnahme in meine Handinnenfläche gebohrt.

 

Einmal hab ich diesen Wahnsinn über mich ergehen lassen.

Und mich dann konsequent zehn aufeinander folgende Jahre entzogen, in dem ich nach und nach alle Familienmitglieder sterben oder zumindest schwer erkranken ließ.

 

Danke an dieser Stelle an meine Oma, die im Dorf immer überzeugend von ihrem nie stattgefunden Herzinfarkt berichtete.

 

Vielleicht waren es Schuldgefühle.

Das Dicke-Kind-Sein hab ich sicher von ihr geerbt.

 

 

 

 

 

 

 

Wie es wirklich ist.Ein ganzer Tag mit PMS.

2 Nov

6:00 Uhr

Wecker klingelt.Verfluche das Leben,meinen Job und das Morgengrauen. Will Kaffee.

6:15 Uhr

Tagestiefpunkt erreicht. Blick in den Spiegel. Bei einem könnte man vielleicht noch von Pickeln reden. Aber das hier ist eine Katastrophe.

6:30 Uhr

Probiere, mich anzuziehen. Alles, was ich hab, ist über Nacht hässlich geworden und über den Brüsten zu klein. Schaffe es nur mit Beherrschung, nicht zu weinen.

07:15 Uhr

Verlasse das Haus.

07:18 Uhr

Kehre zurück um meine Tasche zu holen.

07:23 Uhr

Verpasse meine Bahn. Weine jetzt bitterlich. Mann am Kiosk versucht mich durch freie Auswahl aus dem Sortiment zu beruhigen.

08:00 Uhr

Ankunft im Büro. Stinke nach Fernet Branca und Lakritze. Also, alles wie immer, niemand schöpft Verdacht.

10:28 Uhr

Ausgeglichene Stimmung nun schon zweieinhalb Stunden gehalten. Belohne mich mit Familientafel Milka.

10:29 Uhr

Erinnere mich, dass man von Schokolade fett wird und keinen Freund findet. Bin sehr traurig. Esse nun Chips.

12:45 Uhr

Mittagspause. Schäle eine Mandarine. Überlege, dass ihr nun sicher kalt sein wird. Weine erneut.

12:46 Uhr

Habe sie trotz Mitleid gegessen. Weine nun, weil ich so ein schlechter, hormongesteuerter Mensch bin. Erkläre dies Herrn Meyer aus der Buchhaltung. Weint jetzt aus den selben Gründen.

14:25 Uhr

Tagestiefpunkt erreicht. Kundengespräch.

16:17 Uhr

Kollegin im Mutterschutz bringt Baby zum Zeigen vorbei. Verfalle in Verzückungslaute. Welt ist rosarot und schmeckt nach Kirsche.

16:19 Uhr

Kind konnte auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht beantworten: „Wer denn da ist?“ Schreibe Termin im Tierheim auf To-Do-Liste. Hunde sind eh hübscher.

17: 29 Uhr

Feierabend. Werfe jedem, der mir noch einen schönen Tag wünscht Todesblicke zu. Der letzte wirft den Tacker zurück. Kann nicht fangen. Au.

18:15 Uhr

Im Briefkasten nichts Neues. Also keine Rechnung. Also auch kein Liebesbrief. Bin zerrissen zwischen Emotionen. Hab aber noch Fernet.

19:00 Uhr

Esse Nudeln mit Käse.

19:01 Uhr

Erinnere mich,dass auch die fett machen und man dann keinen Freund findet. Macht mich auch nach der dritten Portion noch traurig.

19:46 Uhr

Entdeckt, dass staubsaugen noch einige Wochen länger verzögert werden kann, wenn Staub strategisch unter Schrank geföhnt wird. Wieder fröhlich.

20:30 Uhr

Tagestiefpunkt erreicht. Öffentlich-Rechtliches Fernsehen.

20:55 Uhr

Der heimische Rüsselkäfer stirbt aus. Kann mich von halb stündlichem Heulkrampf nur schwer erholen.

21:12 Uhr

Absoluter Tagestiefpunkt erreicht. Mutter ruft an. Beschimpfe sie und schreibe ihrer Eizelle alle Schuld für mein Geschlecht zu. Mutter versteht und seufzt. Sie hat soviel Kummer mit mir. Schluchze deswegen schuldbewusst. Mutter legt auf. Sie hat mich nie geliebt. Schlampe.

21:29 Uhr

Gehe zu Bett. Schaue in Kalender. Noch 13 Stunden, dann ist Menstruation. Gott sei Dank.

Rache macht blau.

24 Okt

Ich hab dich so lieb gehabt.

Du bist der schönste Mann den ich je gesehen habe und mit dir zusammen war alles gut.

Wie auf Wolken bin ich geschwebt und selbst wenn es mal Regen gab, ist er abgeperlt an meinem Glanz aus Glück.

Wir beide gegen den Rest der Welt.Da haben wir zwar immer verloren, aber wir habens gemeinsam getan.

Ich hab dich so lieb gehabt.

Und jetzt hast du mich verlassen.

Für Jenny, 21, 34/36, 85 D, Fußpflegerin. Ausm Osten.

Und ich kann es verstehen.

Ich hätte es an deiner Stelle ja nicht anders gemacht.

Sie ist Filet Mignon und ich eher so Bockwurst.Geplatzte.Vielleicht mit Senf.Allerdings ohne Brötchen.

Aber ich bin trotzdem traurig.

Ich bin so traurig.

Und sauer.

Ich bin total sauer!

Und ich will Rache.

Die Augen werde ich ihr auskratzen, das Gesicht unter dem blondierten Pony zerschneiden und überhaupt kein gutes Haar werde ich an der Schlampe lassen und dir zersteche ich die Reifen und werfe dir faule Eier in die Wohnung und deinem Chef erzähl ich, dass du Büroklammern klaust und auf dem Schwarzmarkt ein Vermögen machst.

Das Küchenmesser und die Türklinke in der Hand werfe ich noch einen letzten Blick in den Spiegel.Vielleicht ist das Schweißband keine so gute Idee.Bei Rocky sahs cool aus,aber seines war auch nicht rosa und mit dem Werbeaufdruck der benachbarten Videothek versehen.

Außerdem bin ich Pazifistin.

Ich mein, ich schlag ja nicht mal meine Sahne.

Also bin ich wieder traurig.

So traurig.

Dann sitzt du jetzt also mit Jenny an der Bar. Jenny mit ihren perfekt lackierten Fußnägeln in kleinen Schleifenballerinas.

Ihr Hintern wird besser auf den Barhocker passen als meiner und ihr werdet lachen und du wirst Geld in die Jukebox schmeißen und unser Lied an Jenny verschenken und sagen, es sei jetzt euers.

Und ihr werdet Wodka trinken, so wie wir es immer getan haben.

Du trinkst immer nur Wodka.

Weil es cool aussieht und schön macht.

Das ist die Idee.

Der Geistesblitz trifft mich an der linken Schläfe.

Ich werde meine Rache bekommen.

Subtil wird sie sein,aber grausam.

Ein Schlag von dem du dich nicht so schnell wieder erholen wirst.

Ich geh jetzt raus und trinke den ganzen Wodka Hamburgs leer.

Es wird keinen mehr geben,weder für dich noch für Hornhautraspel-Jenny und dann mußt du Bier trinken und wirst uncool aussehen und Jenny wird dich verlassen und dann bist du so traurig wie ich jetzt.

Der Plan ist perfekt.

Außerdem kann ich in diesem Fall das Stirnband auf behalten.

Könnte noch nützlich sein.

Also trage ich jetzt meine Haare offen und meinen Kopf oben und beginne mein teuflisches Werk bei Ali am Kiosk.

Gib mir allen Wodka, den du hast, jedes noch so kleine Schlückchen, hörst du? Es geht um Leben und Tod und Blutrache!“

Ali guckt.

Hä? Kaufst du immer Astra, hab isch immer Astra.“

Defizil lege ich Ali meinen Racheplan da und weihe ihn in die Genialität der unterschwelligen Brutalität ein. Wärenddessen trinke ich halt Astra,weil Ali keinen Wodka hat und der Mensch ja trotzdem Flüssigkeit braucht.

Ali sagt:

Hör doch auf mit Sauferei. Wirst du betrunken nur gevögelt, nicht geheiratet.“

Ich sage ihm, dass es darum jetzt aber nicht geht und ich weiter muss,wenn ich bis Sonnenaufgang fertig sein will.

Zwei Häuser weiter die erste Kneipe.

Ich kenne sie nicht, beschließe aber, hier anzufangen, weil eine so gut wie die andere ist und ich ja irgendwo anfangen muss.

Drinnen ist es sehr dunkel.

Die Luft ist verraucht,die Musik laut an den Wänden hängen Ketten und Käfige, die Männer tragen lange Haare und die Frauen Leder.Ich habe keine Ahnung,wo ich hier rein geraten bin und ob ich lebend wieder raus komme.

Als ich das Schild über dem Tresen sehe, bin ich erleichtert:

Hoheitsgebiet der Hells Angels.“

Hier gibt es auf jeden Fall Wodka.

Den bestelle ich auch.

Wodka bitte!“

Einen?“

Allen.“

Die Musik verstummt.

Plötzlich ist es totenstill.

Die Männer in den Jeanswesten drehen sich langsam zu mir um, die Frauen ziehen erwartungsvoll die Augenbrauen nach oben, die Blicke des ganzen Ladens ruhen auf mir.

Die Luft ist zum zerreißen gespannt.

Warum hat man eigentlich nie eine Stecknadel, wenn es einen Moment gibt, an dem man sie fallen hören könnte?

Obwohl, vielleicht auch nicht.

Der Laden wirkt nicht, als würde er regelmäßig gewischt.

Ich denke noch darüber nach, warum ich gerade jetzt darüber nachdenke, da stellt der Barmann eine Literflasche Smirnoff auf den Tresen.

Dann trink Mädchen.“

Kann ich einen Strohhalm haben?“

Unter den aufmerksamen Augen von 25 Rockern mache ich mich frisch ans Werk.

Ein bißchen tun sie mir leid.

Sie können ja nicht ahnen, dass ich aus Westfalen komme und den Schnaps praktisch mit der Muttermilch aufgesogen habe.

Frühschoppen war schon immer der einzige Sport, in dem ich gut war.

Die Flasche ist also in fünf Minuten erledigt und ich ein offizielles Mitglied der Tresenmannschaft im Steppenwolf.

Sie können meine Rachegelüste nach voll ziehen und bieten sich freundlicherweise an, Jenny oder dich mit dem Motorrad zu überfahren und in der Elbe zu versenken.

Ich glaube ihnen,dass sie das nicht zum ersten Mal machen und daher ihr Handwerk verstehen, erkläre aber, das ich diese Sache allein tun muss.

Das verstehen sie.

Der Barmann stellt mir die gesamten Wodkavorräte auf den Tresen und ich kann ne Viertelstunde später theoretisch einen Harleyreifen wechseln.

Als ich ausgetrunken hab stehe ich auf und zum ersten Mal kommt mir die Idee,dass mein Plan scheitern könnte.

Ich bin voll wie zwanzig Russen.

Freunde, ich muss weiter!“ lalle ich gegen die Musik an und falle wie zur Bestätigung erstmal der Länge nach hin.

Mein neuer Freund Hartmut nutzt die Gelegenheit und tatoowiert mir einen Anker auf den Oberarm.

Ich beschließe mich morgen darum zu kümmern, denn die Sache muss weiter gehen.

Aufgerappelt und in die Kneipe gegenüber.

Nur Männer in hellblau-weiß-gestreiften Hemden.

Entweder ist das hier ein Treffen der Metzgerinnung oder der totale Yuppischuppen.

Ist aber egal, ich kriege meine zwei Flaschen Wodka und die volle Unterstützung der Barfrau.

So kämpfe ich mich durch die Nacht, von Tresen zu Tresen, mit meinen traurigen Augen und einer Mission.

Manche weinen mit mir, andere haben aufmunternde Worte, wenige stecken mir Geld zu.

Alles was ich tue, ist anstoßen und trinken und dich hassen.

Dich und Jenny und das ihr mich dazu gebracht habt, meinen Monatslohn zu versaufen.

Als es schließlich dämmert, ist es vollbracht.

Der Portier vom Atlantic versichert mir glaubwürdig,das er die Minibars dreimal kontrolliert habe und ich gerade die letzte noch übrige Flasche ansetze.

Ich trinke auf sein Wohl und lehne das Taxi dankend ab.

Ich will nochmal über den Kiez gehen, nochmal die Stationen meines Triumphes an mir vorüber ziehen sehen und mir dein Gesicht vorstellen, wenn du Wodka bestellst und keinen bekommst und dich dann an deiner Altbierbowle festhältst und Jenny dich sieht und auf der Stelle sitzen läßt.

Das hab ich alles ganz allein geschafft.Ich bin nämlich die Größte.Die Allerallergrößte!“

schreie ich in die Nacht hinein und hangel mich vom Laterne zu Laterne.

Zwischendurch krieche ich ein Stück,da meine Beine den Dienst komplett versagen.

Rache ist süss. Und diese Nacht war wie Zuckerwatte mit Guss.

Du bist sowas von erledigt.

Kurz vor meiner Haustür kommst du mir entgegen.

Hand in Hand mit Jenny.

Hey! Wir waren auf dem Markt und haben Apfelsinen gekauft. Wir machen jetzt Saft selber.Wir sind nämlich jetzt straight edge.“

Ich starre.

Durch euch beiden, durch die Hauswand und über den Horizont hinaus.

Zu mehr bin ich weder in der Lage noch motiviert.

Solltest du vielleicht auch mal überlegen, würde dir sicher gut tun!Siehst bißchen fertig aus.“

Ich nicke und winke zum Abschied.

Und dann dreh ich mich um und geh zu Ali.

Astra kaufen.

Da muss man jetzt durch.

20 Okt

Er ist Mitte 80 und zum ersten Mal im Krankenhaus.

Es ist nichts Ernstes, nur eine Kleinigkeit, aber trotzdem müssen wir jetzt gut auf ihn aufpassen.

Das erkläre ich ihm während ich Elektroden auf seine Brust klebe und den Monitor anschalte. Ich schließe die Kabel an und zeige,welche Werte ich jetzt erkenne.

Alles in Ordnung.

Ob er allein zu hause lebe, oder ob jemand zum helfen vorbei komme, frage ich routinemäßig.

Er sei jetzt leider allein.

Seine Frau sei letztes Jahr gestorben, nach 56 Jahren Ehe und 2 Jahren schwerer Krankheit.

Da müsse er jetzt durch.

Ihr Foto steht in der Stube, daneben immer Blumen.

Gequält hat sie der Krebs im Bauch. Er war die ganze Zeit bei ihr, hat zum Schluss nur gedacht:

Mädchen, schlaf doch endlich ein!“

Das letzte was sie gesagt hat war:

Tut mir leid, dass ich dich jetzt alleine lasse.“

 

 

 

Sie kommt jeden Tag um neun ins Hospiz.

Der Weg mit dem Bus ist nicht weit, dauert aber trotzdem lange.

Sie muss zweimal umsteigen und der Rücken macht nicht mehr so mit.

Jeden Morgen ist sie da, weil sie weiß, dass er sich Sorgen macht, wenn sie sich auch nur zehn Minuten verspätet.

Jeden Morgen hab ich ihn um neun an den Tisch gesetzt und zwei Kaffeetassen hingestellt.

Den Honigtoast isst er vorher, mit dem Kaffee wartet er auf sie.

45 Jahre sind sie zusammen, haben zwei Kinder groß gezogen und ein Haus gebaut. Es war nicht immer einfach.

Jetzt ist das Haus abbezahlt, die Kinder groß, beide sind in Rente.

Und sie sitzt allein abends auf der Terrasse und weiß, dass er nicht mehr heim kommt. Das es ab jetzt nur noch schlechter werden wird. Noch kann er sprechen und essen, laufen klappt schon lange nicht mehr. Sie sagt ihm nicht, wie ernst seine Werte wirklich sind, sie kennt den Arzt und gemeinsam tauschen sie ein paar Zahlen.

Es war nicht immer einfach und hätte jetzt alles so schön sein können.

Ist es aber nicht.

Da muss sie jetzt durch.

 

 

 

Er weiß, dass sie ihn nicht mehr sehen kann.

Schon seit vier Jahren, nach dem Schlaganfall, ist sie blind.

An guten Tagen erkennt sie seine Stimme und nimmt seine Hand, an weniger guten denkt sie, dass sie in ihrem Elternhaus sei und fragt immer wieder nach seinem Namen.

Sie haben im Krieg geheiratet, da war kein Geld für eine kirchliche Trauung da.

Das haben sie nachgeholt, an ihrem 50. Hochzeitstag.

In einer großen Kirche, mit allen Freunden.

Danach haben sie Skiurlaub gemacht.

Jetzt liegt sie im Bett und öffnet kaum die Augen.

Warum er immer noch jeden Tag käme und bis zum Abend bliebe, fragen ihn Leute.

Im Krieg und in der Kirche, im Abstand von 50 Jahren haben sie gesagt: „Bis das der Tod uns scheidet.“

Da muss er jetzt durch.

 

 

 

Alle drei fragen mich, warum ich denn nicht verheiratet sei.

Weil ich warte, bis ich einen finde, mit dem ich 50 Jahre zusammen da durch will.“, sage ich und versuche zu lächeln.

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